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Sklaven

Mittwoch, 03. April 2002

Ich weiß nicht, was es ist, das Handy- oder auch nur Telefonbesitzer aus jeder laufenden Unterhaltung heraus panikartig zum Hörer greifen läßt, sobald sie auch nur den Verdacht haben, daß der dazugehörige Apparat geklingelt haben könnte. Beim Essen, beim Sport, bei gemeinsamen Unternehmungen mit Freunden (und erschreckend oft beim Autofahren, wo noch dazu Menschenleben gefährdet werden könnten)—egal. Es kommt so verd$*#! selten vor, daß entweder der eine wenigstens fragt, ob er gerade stört, oder der andere von sich aus sagt: Ich habe gerade keine Zeit, ich habe Besuch (/ bin beim Essen / bin im Restaurant / bin mit Freunden zusammen / bin beim Sport / ...), ich rufe demnächst zurück. Der Klammergriff des Telefons ist vergleichbar mit dem einer Boa Constrictor: Der Angerufene liefert sich freiwillig(!) dem Würgegriff aus, läßt alles andere und jeden anderen stehen, und der Anrufer seinerseits denkt nicht im Traum daran, seinen Gesprächspartner wieder loszulassen.

Von dem für Umstehende nervtötenden Gepiepse, Gebimmel, Gedudel und anschließendem zusammenhanglosen Geblubber jetzt mal ganz abgesehen: Hat sich einer von diesen Telefonsklaven überhaupt mal überlegt, welchen Stellenwert er mit diesem Verhalten demjenigen zuweist, mit dem er sich gerade zuvor “live” unterhalten hatte? Einen ziemlich niedrigen nämlich: “Ach, die Unterhaltung mit Dir ist nicht so wichtig, dabei darf mich jeder unterbrechen, auch wenn ich noch gar nicht weiß, wer es ist und worum es geht, auch, wenn das Essen kalt wird, das Du für mich gekocht hast, auch wenn Du gleich den Zug nach Hause nehmen mußt.” Ja geht’s denn noch, Leute???

Wie weit sind wir eigentlich gekommen, daß wir meinen, jederzeit für jeden erreichbar sein zu müssen? Daß wir es nicht schaffen, “Nein” zu sagen und uns auf die Person zu konzentrieren, die uns gerade gegenübersitzt oder -steht? Daß wir solche Angst haben, etwas zu verpassen? Daß wir zu solchen Sklaven dieser kleinen Geräte und vor allem der Benutzer am anderen Ende verkommen sind? ‘Cause let’s face it: Es ist genau die Einstellung eines Sklaven, der eine wie auch immer geartete Strafe befürchtet, falls er nicht sofort zur Stelle ist, sobald sein Herr ihn ruft. Und auf der anderen Seite die Erwartungshaltung des Sklavenhalters: Wenn ich jemanden (an)rufe, hat der gefälligst zur Stelle zu sein. Doch das Schlimmste daran ist, daß dieses rücksichslose Verhalten auf beiden Seiten nicht nur toleriert wird, sondern inzwischen sogar schon als “Lifestyle” gilt. Man läßt sich versklaven und findet das auch noch hip oder zumindest praktisch! Au Backe…

Arzt im Notdienst? Lasse ich gelten. Geschäftsmann mit wichtigen Terminen? Nur eingeschränkt. Bezogen auf seinen “Live"-Geschäftspartner handelt es sich auch hier um eine Herabwürdigung. Man muß sich das einmal überlegen: Person A hat vielleicht stundenlange Bahn- oder Autoreisen auf sich genommen, um sich mit gerade diesem Menschen unterhalten zu können, ist früh aufgestanden, dementsprechend müde und hat auch nur eine begrenzte Stundenzahl zur Verfügung—und dann beginnt der Gesprächspartner (zuweilen 30 Minuten lang und länger) mit Person B zu telefonieren, die gerade erst beschlossen hat, daß es ihr jetzt ganz gut in den Kram passen würde, diesen Menschen zu sprechen. Welcher aber doch eigentlich Person A versprochen hatte, sich Zeit für sie zu nehmen? Das Gleiche gilt vermehrt in Läden und Kaufhäusern aller Art: Wenn das Telefon bimmelt, wird jeder in Fleisch und Blut anwesende Kunde stehen gelassen. Schlimmer noch: Alle anderen evtl. Anwesenden fühlen sich in den meisten Fällen auch noch zum Flüstern verpflichtet—sie könnten ja sonst das heilige Telefonat stören!

Was lernt Person A oder der Kunde daraus? Na logisch: Wer anruft, hat Vorrang. Jeder. Immer. Also komme ich nicht mehr wieder, sondern rufe nur noch an. Hier werden Telefon sei Dank indirekt nicht nur Terminabsprachen willkürlich gebrochen, sondern es wird erwachsenen Menschen erlaubt (und sie erlauben sich auch selbst!), was jedem Kleinkind mit erhobenem Zeigefinger verboten wird: Nämlich rücksichtslos dazwischenzuquatschen, wenn zwei andere sich unterhalten. Ohne (sich) auch nur zu fragen, ob die Störung gerade annehmbar ist! Was kommt denn analog hierzu als nächstes, frage ich mich? Die generelle Mißachtung der Vorfahrtsschilder auf den Straßen vielleicht?


Rubrik: 1 Kommentar(e), 21 mal gelesen | Permalink

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