Ute Gerhardt im World Wild Web

 
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Dienstag, 12. August 2008

Mobbing in der Schule

Frau… äh… Muttis ältestes Kind wird in der Schule gemobbt, wie sie in drei unterschiedlichen Einträgen berichtet. Und es trudeln viele gutgemeinte Ratschläge ein, wie dem Problem beizukommen ist. Einige davon fand ich ja nun doch etwas simplistisch, um nicht zu sagen “naiv”. Ein Kommentar direkt bei Pia würde vermutlich den Rahmen ihrer Kommentarfunktion sprengen. Daher also nun hier meine drei “Favoriten” und mein eigener Senf zu diesem Thema:

1: “Mir hat damals nur geholfen, mir (über Jahre hinweg, wohlgemerkt) eine arrogante Art zuzulegen und meine unterbelichteten Mitschüler mitleidig von oben herab zu belächeln.”

Das kann gegen Mobbing helfen. Wenn man Glück hat. Wenn man Pech hat - und das wird wesentlich öfter der Fall sein -, wird man genau wegen dieser vermeintlichen Arroganz erst recht zum Opfer, weil sie nämlich den anderen auf andere Weise erniedrigt und provoziert. Wenn man noch größeres Pech hat, wird sie irgendwann echt. In jedem Fall jedoch verhindert sie auch das Schließen von Freundschaften, die man gerade dann nötig bräuchte. Denn man wirkt ja nicht nur auf die Mobber arrogant, sondern auch auf die Umstehenden. Und sie vermittelt dem Kind das Gefühl, daß es nicht einfach sein und leben darf, wie es ist und will, sondern sich in irgendeiner Form verbiegen und von den anderen distanzieren muß, um Gewalt zu entgehen. Das kann’s nicht sein.

2: “Ein Big Brother, Big Sister Program in der Schule anregen. Oder falls das zu schwer ist, ein aelteres Kind, dass man kennt uns schaetzt ansprechen und es bitten, Ansprechpartner fuer das eigene Kind zu sein. (Ja, so eine Art: Wenn Du nicht aufhoert, dann hole ich meinen grossen Bruder!)”

Frage: Welche Chance bzw. Kraft hat selbst ein älteres Kind, diese Riesenverantwortung abzulehnen, wenn ein Erwachsener mit so einem Ansinnen auf es zukommt? So gut wie keine. Das ist unfair gegenüber dem älteren Kind. Schon erst recht außerhalb eines entsprechenden Programmes, so ganz ohne Anleitung und Unterstützung von oben. Würde ich als Mutter davon erfahren, daß eine andere Mutter mein Kind mal eben als Bodyguard für ihren eigenen Sprößling auserkoren hat, ohne daß da von mir und der Schule Rückendeckung zugesichert wurde, dann bekäme sie von mir einen verbalen Einlauf, der sich gewaschen hätte. Soziale Verantwortung ist ja schön und gut, aber dergestalt aufoktroyiert ist das emotionale Erpressung. (Und davon abgesehen kann das auch ganz schön peinlich für den Gemobbten werden und das Problem für ihn somit noch verschlimmern.)

3: “Ruhe bewahren. Herausfinden, was der Grund fürs Mobbing ist.”

Soll heißen?
- Den Grund herausfinden, warum der Mobber so ein Soziopath ist? Und wenn er dann nach drei Jahren Therapie eventuell wieder in der richtigen Spur läuft, darf das Opfer endlich auch mal wieder angstfrei zur Schule gehen, oder wie? Mag sein, daß man das Übel an der Wurzel packen muß. Aber bis die entfernt ist, gehört der Mobber als solcher vorrangig erstmal auf andere Weise unschädlich gemacht.
- Oder soll ich gar meinem Kind einreden, es sei selbst der Grund und müsse sich ändern? Sein Licht unter den Scheffel stellen? Sich konform kleiden? So tun, als fände es Fußball toll? Nö, oder?

Nett fand ich auch den Hinweis, man möge dem Kind Freunde in der eigenen Klasse verschaffen, die für es einstehen. Hat was von Punkt 2. Entweder, man hat Freunde, die das aus eigenem Antrieb tun, oder man hat sie nicht. Denn man darf nicht vergessen, daß diese Freunde schließlich selber auch in die Schußlinie geraten können, wenn sie sich mit dem Opfer solidarisieren. Tun sie dies freiwillig - fein. Tun sie es nicht… sollte man sie nicht unter Druck setzten, dieses Risiko einzugehen. Der Schuß geht sonst gewaltig nach hinten los. Nach dem Motto “Du bist schuld, daß ich nun auch gemobbt werde!” - und schon hat das eigene Kind wieder einen Feind mehr. Ganz davon abgesehen, daß Kinder ziemlich feine Antennen haben dafür, ob ihre Freundschaft wirklich um ihrer selbst Willen gesucht wird.

Mal ehrlich: Wenn das Problem anhält, halte ich einen Schul- oder zumindest Klassenwechsel nicht für die schlechteste Idee.  Ich wünschte, meine Eltern hätten mir dies damals in der Grundschule ermöglicht. Ich wünschte, sie hätten das Problem überhaupt in seiner vollen Tragweite erkannt. Ich war Pias Sohn in vieler Hinsicht ziemlich ähnlich. Aber da ich zum Schluß sogar als Schulbeste mit besonderem Lob ins Gymnasium verabschiedet wurde, war ja vordergründig alles in Ordnung. Vieles habe ich auch irgendwann gar nicht mehr erzählt, hatte ich doch noch die Worte meiner Mutter im Ohr, wenn sie noch einmal hören würde, daß ich mich nicht “anständig wehre”, würde sie mir gleich anschließend auch selbst noch den Hintern versohlen. Ich konnte aber einfach nicht zuschlagen. Stattdessen habe ich nachts heimlich geheult und mich tagsüber vor dem Real Life in Büchern vergraben. Ich schlief schlecht und es liefen ständig Filme mit beängstigenden oder aggressionsgeladenen Szenen vor dem inneren Auge ab, die sich kaum stoppen ließen. Ich spielte innerlich wieder und wieder die selben erdrückenden Situationen in zig Variationen durch und fand doch keinen Ausweg, von einer Lösung ganz zu schweigen. Ziemlich bald litten dann auch die Freundschaften mit den Kindern in der Nachbarschaft. Wenn man sechs Stunden am Tag immer wieder vor Augen geführt bekommt, wie blöd und unerwünscht man doch ist, dann wird man irgendwann auch denen gegenüber mißtrauisch und dünnhäutig, die einem eigentlich gar nichts Böses wollen. Man fängt an, jedes Wort auf die Goldwaage zu legen, jedes Wegdrehen als Ignorieren zu interpretieren, jeden harmlosen Witz als Angriff, jedes Versehen als Absicht, etc. Irgendwann entspricht man dann tatsächlich dem Bild, von dem man meinte, daß der andere es von einem hätte, und der Teufelskreis beginnt…

Pia, man muß nicht auf Deibel komm raus seinen Claim verteidigen - schon erst recht nicht, wenn er dermaßen verseucht ist. Man darf das Problem nicht kommentarlos unter den Tisch fallen lassen, das ist schon klar. Die Verantwortlichen sollen schon erfahren, was los ist und eine Chance erhalten etwas zu ändern. Aber man muß auch nicht alles aushalten, wenn über längere Zeit keine Besserung in Sicht ist. Da hat man dann zwar “durchgehalten” - aber um welchen Preis? Anerkennen wird es niemand, und zumindest mir hängt vieles heute noch nach - 30 Jahre später.

Rubrik: Gedacht | 8 Kommentare (330 mal gelesen) | Permalink
 
  1. N… jein. Also Vorschlag Nr. 2 ist ein an sich guter. Der geht ja in die Richtung Mediatoren. Das sind Modelle, die gibt es an vielen Schulen und auch immer mehr, einfach weil sie schlicht sehr erfolgreich sind. Auch in jüngeren Klassen. Der Vorteil: die Kinder regeln die Probleme selber. Und, die Kids, die von Hause aus das Aggressionspotential zu hoch geschürrt bekommen haben, die trifft tatsächlich »die Rüge« im öffentlichen Raum von Ihresgleichen viel empfindlicher als hier noch Verbote von den Erziehungsberechtigten was regeln würden. Da ist ja eh nur noch Auflehnung angesagt. Nö, also Vorschlag Nr. 2 bekäme von mir 100 Punkte. ,-)

    Die Kinder in der Klasse vom Kind auf das Verhalten der anderen «bösen» Kinder einmal anzusprechen, zu fragen, wer noch solche Erfahrungen (die Agression wendet sich ja nur selten auf ein einzelnes Kind) macht oder Beobachtungen gemacht haben, kann das Klassenmiteinander absolut positiv beeinflussen. Denn oft bekommen die solche Vorfälle nicht mit bzw. merken erst mal nicht von alleine, wie schlecht es gerade einem von ihnn geht. Indem die Kinder darüber sprechen, wie man künftig nämlich verhindert, dass Klassenkumpanen «fertig» gemacht werden, wird das soziale Gefüge gestärkt. Und glaube mir, so ein kleiner Protzbengel (wir reden ja immer noch von Kindern), der hört ganz schnell auf, wenn nur einmal der halbe Klassenverband vor ihm steht und ihm klar macht, dass hier und bei «ihrem Klassenkameraden» das nicht mehr geduldet wird. Das müssen die nur ein einziges Mal machen. Dazu gehören aber in erster Linie erfahrene, tapfere, konfliktbereite und interessierte Lehrer, die hier professionell anleiten. Daran mangelt es leider gelegentlich.

    Ein Schulwechsel sollte meiner Meinung nach die allerletzte Lösung sein. Warum soll man das eigene Kind bestrafen mit einem Rausriss aus seinem sozialen Umfeld (und das ist es! Es läuft ja nicht alles schief, meistenteils fühlen sich die Kinder sonst wohl in ihrer Schule), wenn andere den Mist bauen? Das wäre für mich die allerletzte gute Maßnahm pro dem eigenen Kind, ehrlich gesagt.

    creezy  am  12.08.08
  2. @Creezy: In einem geordneten und von der Schulleitung bzw. Lehrerschaft unterstützten Mediationsprogramm mag das erfolgreich sein. Da allerdings ist dann auch gewährleistet, daß die “Schiedsrichter” Anleitung und Rückendeckung bekommen. Da ist es dann auch ein offenes Angebot, ohne daß mit dem Zeigefinger auf einen bestimmten Schüler gezeigt und gesagt wird: “Ey, du, mach mal mit!” Und - ganz wichtig! - es sind mehrere “Richter”.

    Aber ich würde im Sechseck springen, wenn irgendeine Mutter sich eins meiner Kinder nach Gutdünken aus der Menge herauspicken und konkret zum Aufpassen bzw. Beschützen ihres Kindes verdonnern würde. Denn dann gerät das ältere Kind schon gleich in Erklärungs- und Rechtfertigungsnot, wenn es lieber ablehnen möchte. Und dem sind viele Kinder gerade Erwachsenen gegenüber nicht gewachsen. Ich fände es einfach unfair, das Machtgefälle derart auszunutzen.

    Damit meine ich jetzt nicht, daß ich mir wünsche, meine Kinder mögen sich stets aus allem heraushalten und sich nie für andere einsetzen. Ganz im Gegenteil. Aber sowas darf nicht als “Aufgabe” von oben verordnet werden, sondern das Kind muß sich freiwillig dafür oder dagegen entscheiden können und freiwillig die damit verbundenen Risiken eingehen oder eben ablehnen. Verordnete Zivilcourage ist nämlich keine, und helfen kann nur, wer auch gelernt hat, seine eigenen persönlichen Grenzen zu setzen.

    Ute  am  12.08.08
  3. Ute, ich bin gerade völlig baff, dass es Dir als Kind auch so ging. Das, was Du von Deiner Kindheit/Jugend schreibst könnte glatt von mir sein…
    Und eben auch die Tatsache, dass es einem (in meinem Fall) 10 bis 20 Jahre später immer noch nachläuft und das Leben verdammt schwer machen kann, obwohl man erwachsen ist und die Mobbenden weit weg sind.

    In meinem Fall hat ein Klassenwechsel geholfen. Das war sogar richtig gut. Dumm nur, dass meine neue Klasse am Ende des Schuljahres so winzig war, dass sie wieder geteilt wurde und ich zurück in die alte Klasse kam.
    Der ganze Stress war der Grund für mich, eben kein Abitur zu machen.
    Erst jetzt, im Studium, fühle ich mich relativ gut aufgehoben, aber diese Momente, dass man ein Wegdrehen als Ignorieren auffasst, sich angegriffen fühlt wo gar nix ist, usw., gibt es immer noch zur Genüge. Und wenn man dann jemandem, den man für einen “Freund” hält erklärt, warum man so ist wie man ist (äußerlich eben verdammt arrogant, in Wahrheit total unsicher), wird man nochmal extra angemacht, dass man bitte nicht in Selbstmitleid zu versinken hätte.

    Was dagegen hilft, wenn Kinder gemobbt werden? Außer einem Klassen- oder Schulwechsel fällt mir nichts ein. Aber selbst damit ist das Problem meistens leider nicht gelöst. Oft ist man schon so geprägt, dass man sich selber wieder in die “Opferrolle” begibt (O-Ton einer Psychotherapeutin, die mich danach nie wieder gesehen hat) und der Spaß an neuer Stelle weiter geht.
    Wirkliche Hilfe ist da in meinen Augen psychologische Unterstützung für das Kind, eventuell parallel zum Klassen-/Schulwechsel.

    Archedenoe  am  12.08.08
  4. In der Tat ein schwieriges Thema und vieles von dem, was Du Ute aus Deiner eigenen Erfahrung berichtest, hätte ich genauso gut schreiben können.

    Aus heutiger Sicht glaube ich, dass nur ein Schulwechsel geholfen hätte mich zumindest in der Schule wohlfühlen zu können, wenn das schon zu hause eigentlich nur dann möglich war, wenn ich zwar körperlich anwesend, geistig aber abwesend, weil in sämtliche Büchern geflohen, die ich finden konnte.

    Ich weiß auch nicht, ob ein Schulwechsel wirklich das gemobbte Kind bestraft. Ich glaube ich hätte es eher befreiend denn als Strafe empfunden.

    Julia  am  12.08.08
  5. Ute, ich finde mich in Deinen Worten so wieder. Ich bekomme immer noch “Gänsehaut”, wenn ich an den Besuch der 5. Klasse denke. Bei uns hat damals ein Telefonat mit dem Klassenlehrer und anschließender Drohung vor der Klasse dazu geführt, dass es zumindest aufgehört hat. Wirklich “gut” war es aber bis zu einem Schulwechsel nach der Realschule eigentlich nie mehr.... Deswegen würde ich, wenn Tim einer solchen Situation ausgesetzt sein sollte, wahrscheinlich auch immer für einen Klassen- oder sogar Schulwechsel plädieren. Das mag der einfachste Weg sein, aber ich bin mir sicher “Tapfersein” und “Durchhalten müssen”, weil “Kinder eben nun mal so sind in diesem Alter” macht die Sache nur noch schlimmer....

    Bianka  am  12.08.08
  6. @Bianka: Stimmt. Zumal man ja nie weiß, ob es nun wirklich gut ist oder es nicht noch unter der Oberfläche brodelt. Bei Pias Sohn sehe ich da ehrlich gesagt schwarz. Der Haupttäter hält sich jetzt zwar gezwungenermaßen in der Öffentlichkeit zurück, aber Mobbing aus dem Untergrund kann mindestens ebenso zermürbend sein wie offene Gewalt, wenn nicht noch schlimmer. Hat man doch plötzlich weder Zeugen noch Beweise oder gar eine Handhabe. Und es fängt bei dem Lütten ja offenbar schon an…

    Nachtrag: Auch wenn “ansonsten alles in Ordnung” ist, kann ein Schulwechsel hilfreich sein. Das ist wie bei einem ansonsten schönen Lied, das man aber mit einer fiesen Situation assoziiert. Man mag es einfach nicht mehr hören, es zieht sich einem alles zusammen, wenn man nur die ersten Takte vernimmt.
    Mein Gymnasium habe ich nach dem Abi noch ab und zu wieder besucht. Meine Grundschule will ich seit 1979 nicht mehr sehen.

    Ute  am  13.08.08
  7. @ Archedenoe: “Oft ist man schon so geprägt, dass man sich selber wieder in die “Opferrolle” begibt (O-Ton einer Psychotherapeutin, die mich danach nie wieder gesehen hat) und der Spaß an neuer Stelle weiter geht.”

    Muß nicht unbedingt sein. Auf dem Gymnasium hatte ich dann nur noch selten Probleme und fand auch recht schnell eine gute Freundin, die zu mir hielt. All das sogar, obwohl aus meiner alten Klasse ein paar andere mit mir auf die selbe weiterführende Schule kamen. Ich denke, man kann in neuer Umgebung diesem von Dir beschriebenen Automatismus ganz gut entgehen. Wie viele der hier und bei Pia aufgeführten Erfahrungsberichte beweisen. Mit Hilfe von geschulten Erwachsenen geht’s vielleicht sogar noch leichter.

    Ute  am  13.08.08
  8. Wenn ich dazu etwas anmerken dürfte:
    Wie ich bei Frau … äh … Mutti selbst schrieb, war mein von Ihnen als naiv bezeichneter Kommentar keineswegs ein Lösungsvorschlag, sondern vielmehr eine Mahnung, was passiert, wenn einem gemobbten Kind eben nicht geholfen, es von Eltern und Lehrern nicht ernst genommen wird. Ist man als Kind damit allein gelassen, bleibt einem nichts anderes übrig, als sich eine harte Schale zuzulegen und die Mobber arrogant zu ignorieren, ohne daß dies eine bewusst gewählte “Lösung” gewesen wäre.

    Lorelei  am  20.08.08
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