Ute Gerhardt im World Wild Web

 
<< Chain Mails Brüsselliese >>

Donnerstag, 29. Juni 2000

Kreiselknöpfe

Eigentlich hatte ich mir gestern abend ja vorgenommen, früh ins Bett zu gehen, aber dann rief M. an, um wieder mal so “richtig” zu quatschen, nicht nur kurz, wie vorgestern—und wie immer, wenn ich mit ihm telefoniere, ging es natürlich mal wieder bis tief in die Nacht. Schön war’s trotzdem; ich liebe es einfach, mit M. herumzualbern! Mit ihm kann ich mich über Gott und die Welt unterhalten, ohne daß da irgendwelche schrägen Zwischentöne drin wären—im Gegensatz zu den Gesprächen mit P. in letzter Zeit. Der lauert nur noch, ob ich ihn eventuell “einfangen” will, ich hingegen werde schon fuchsig, wenn ich auch nur den Verdacht habe, daß mir wieder eine seiner Predigten halten möchte, mir erzählen will, was wahre Liebe angeblich ist, oder mich sonstwie mit Weisheiten bombardiert. Die Spannung ist dabei direkt greifbar.

Richtig geschrieben haben wir uns schon seit drei Wochen nicht mehr, und mir fällt auch ehrlich gesagt fast nichts mehr ein, das ich ihm erzählen könnte. Das heißt, es gibt eine Menge, das ich ihm gerne erzählen würde, wenn ich nicht mit jedem Mal mehr Angst hätte, ruckzuck wieder in die Defensive gedrängt zu werden. Wenn ich da an das letzte Telefonat denke… Uff!

P. ist schon jemand Besonderes für mich, ich will diese Freundschaft auf jeden Fall erhalten (Himmel, wir kennen uns seit 25 Jahren!)—wenn ich bloß wüßte wie!!!  Ein paar Mal habe ich diese Woche versucht ihm zu schreiben und saß noch nach einer halben Stunde vor dem leeren Fomular, so wie gestern am frühen Abend.  Einen kleinen Zwischenbericht wollte ich ihm schicken, da ich ihm versprochen hatte, ihn über eine bestimmte Sache auf dem Laufenden zu halten—aber noch nicht einmal dazu fiel mir mehr etwas ein. Nach der Anrede war ich wie ausgelaugt. Solange ich nichts Abgeschlossenes und Unabänderliches nennen kann, will ich doch lieber gar nichts sagen, um nicht schon wieder rechtfertigen zu müssen, warum dieses so und anderes anders ist. Sie lähmt mich, die Vorstellung, ihn in mein Inneres schauen zu lassen und zu befürchten, daß es wie eine Zeichnung in der Schule bewertet wird, er versucht, daran herumzuradieren und Striche neu zu ziehen, die mir selbst aber gut gefallen, so wie sie sind. Ich habe noch nicht einmal mehr den Mut, ihm von Alltagsbegebenheiten zu erzählen, denn auch da waren in letzter Zeit mehr und mehr Belehrungen die Folge. Urlaub absagen oder nicht, Hotel in B. oder nicht… Woher will er wissen, wie ich mich am wohlsten fühle? Und warum muß ich das überhaupt erklären? Nicht, daß mir das an sich etwas ausmachen würde, aber wenn es fast unweigerlich dazu führt, daß meine Beschlüsse gleich wieder in Frage gestellt und mit Alternativen pariert werden (die ich schließlich auch schon kenne und erkenne, aber begründet verworfen habe!)… Das nervt. Es fühlt sich an, als dächte P., daß mir diese Alternativen gar nicht erst bekannt sind. Das ist es wohl, was mich so auf die Palme treibt, das Gefühl, unterschwellig bevormundet zu werden, nicht für voll genommen zu werden. Die implizierte Annahme, meine Überlegungen seien nicht ausreichend und bedürften in jedem Fall einer Ergänzung. Schließlich ziehe ich meine Entscheidungen ja nicht aus einer Lostrommel—ich denke doch auch vorher nach, Donnerwetter noch mal! Wirklich!

Lieb gemeint, seine Ratschläge, vielleicht, but they always come down on me like a ton of bricks. Ich brauche und will niemanden, der auf mich aufpaßt, dabei aber übersieht, daß ich nicht er bin, nicht so fühle, nicht so denke und vielleicht auch andere Bedürfnisse und Prioritäten habe. Von ihm selbst wohl unerkannt scheint P. zumindest im privaten Bereich nicht mehr zu unterscheiden zwischen einer ihm gegebenen Information und einer Bitte um Rat. Irgendwann in nächster Zukunft werde ich ihm sagen müssen, wie ich das empfinde, sonst flippe ich vielleicht noch bei einer Gelegenheit aus, die an sich gar keinen meiner berüchtigten “Vulkanausbrüche” rechtfertigen würde, und das wäre auch nicht fair.

Eine meiner frühesten Erinnerungen: Ich bin ungefähr vier Jahre alt und mache Urlaub mit meinen Großeltern im Stubai-Tal. Sie haben mir ein Malbuch geschenkt, in dem auch ein Kreisel abgebildet ist, den ich mit meinen Buntstiften in allen Regenbogenfarben ausmale. Den Knopf ganz oben am Kreisel habe ich mit Strichen wie eine Torte geteilt, jedes Segment bekommt eine andere Farbe. Mein Großvater schaut mir eine Weile zu und zieht mir plötzlich das Malbuch weg. Er ergreift den schwarzen Stift und malt den ganzen Knopf dick und unwiderruflich damit aus. “Die Knöpfe sind immer schwarz”, sagt er.

Aber meiner nicht.

Rubrik: Gelebt | 0 Kommentare (48 mal gelesen) | Permalink
 

    Name:

    Email:

    Ort:

    URL:

    Smileys

    Daten speichern?

    Über Folgekommentare informieren?

    Bitte gib das untenstehende Wort ein: