Ute Gerhardt im World Wild Web

 
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Samstag, 08. Juli 2000

J.

Soso, unser lieber Herr Wirtschaftsminister will also immer noch eine Umsatzsteuer auf im Internet angebotene Dienste wie Software-Downloads und Bestellungen aus dem Ausland einführen. Ob der selbst einen Internet-Anschluß hat? Oder sich inzwischen wohl mal um die technische Durchsetzung eines solchen Unfugs Gedanken gemacht hat? Genausogut könnte er versuchen, einen Pudding an die Wand zu nageln. Bin ja mal gespannt, was bei der G7-Sitzung zu dem Thema herauskommt.


Ich denke immer noch darüber nach, ob ich meine “Freundschaft” mit J. einfach stillschweigend beenden oder ihr noch einen letzten Brief schreiben soll, in dem ich ihr erkläre, warum es meiner Meinung nach keinen Sinn mehr hat, länger in Kontakt zu bleiben. Denn dieser Kontakt kommt ja sowieso nur von mir. J. scheint Freundschaft für etwas zu halten, das man einmal geschenkt bekommt und dann beiseite schieben und verstauben lassen kann, bis man es mal wieder braucht. Daß man an einer Freundschaft kontinuierlich arbeiten muß, hat sie vermutlich nie kapiert. Sobald ich Unmut äußere, kommt ein dämlicher Kommentar wie “You have to understand this...!” “You have to realize that...!” Das einzige, was ich noch verstehe, ist, daß ich es einfach satt habe. Tausend Entschuldigungen, warum sie nie Zeit für ihre Freunde hat, gleichzeitig wächst ihre Homepage jedoch unaufhörlich weiter. (Aber wenn sie was will, bin ich plötzlich wieder ihre beste Freundin.) OK, jeder kann seine Prioritäten setzen. Ich eben auch, und J. gehört nicht mehr dazu.

Eigentlich kann sie einem leid tun. Gerade sie bräuchte meiner Ansicht nach unbedingt mehr Kontakte, vor allem dauerhafte. Aber ich fühle mich wirklich nicht zum Sozialarbeiter oder Psychotherapeuten berufen. Ich gebe und gebe und gebe, während sie nur nimmt. Dafür bin ich mir jetzt wirklich zu schade geworden. Die anderen Freunde, mit denen sie sich trifft, sind ausnahmslos nur Kollegen und/oder Freunde ihres Mannes, die sie nun als die ihren bezeichnet. Dabei ist immer E. derjenige, der diese Leute anruft, einlädt oder Einladungen annimmt. Und die Namen von J.s Online-Freunden bleiben auch nie lange die selben. Sobald sie meint, daß eine Freundschaft existiert, gibt sie sich keinerlei Mühe mehr, diese auch aufrecht zu erhalten, meint, das würde nun einfach so bleiben. Wenn dann einer von der Bildfläche verschwindet, probiert sie es halt beim nächsten und das Spiel geht von vorne los. J. verbraucht Menschen so, wie andere Leute eine Dose Cola. Sie wird sicherlich auch mich schnell ersetzen, und das macht es mir doch um einiges leichter. Du lieber Himmel, wenn ich so leben müßte…

Tja, soll ich ihr nun schreiben oder nicht? Wem würde es etwas bringen? Andererseits habe ich aber auch keine Lust, eines Tages einen Anruf von ihr zu bekommen, weil sie mich mal wieder braucht, und ihr dann erklären zu müssen, daß die Freundschaft schon lange vorbei ist. Blöde Situation…

Rubrik: Gewundert | 0 Kommentare (69 mal gelesen) | Permalink
 

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