Ute Gerhardt im World Wild Web
Montag, 04. August 2008
Heute mal verständnislos.
Ist immer wieder lustig, wenn einem eine Enttäuschung lapidar mit den Worten “Du verstehst das doch, oder?” oder wahlweise auch “Ich hoffe, du verstehst das” serviert wird. Vor allem dann, wenn weit und breit keine höhere Macht als Ursache erkennbar ist, sondern lediglich Nachlässigkeit und Desinteresse des Gegenübers. Aber gut, ich bezog mich ja eingangs auf den Faktor Sprache. Gehen wir also mal ins Detail:
“Du verstehst das doch, oder?” - ist keine echte, sondern eine rhetorische Frage. Soll heißen, der Fragende erwartet ohnehin nur Zustimmung und ist auf ein “Nein” bestenfalls nicht gefaßt und schlimmstenfalls nicht willens, es zur Kenntnis zu nehmen. Was heißt das nun im konkreten obigen Fall? Es bedeutet im Grunde, daß die Verantwortung für das Gefühl der Enttäuschung, das man verursacht hat, ausgerechnet auf denjenigen abgewälzt wird, der enttäuscht wurde! Soll er doch selber sehen, wie er damit klarkommt… Sein Verstehen und Verständnis wird schlichtweg vorausgesetzt. Auf der einen Seite könnte man das als Kompliment an die soziale Kompetenz des Enttäuschten verstehen. Auf der anderen Seite ist aber genau dieses Kompliment oft genug nur die dünne Zuckerschicht für die bittere Pille, daß der eigentlich Verantwortliche es bei dieser Floskel bewenden läßt und den Enttäuschten vor vollendete Tatsachen stellt. Nach dem Motto: “Du bist so verständnisvoll, daß ich mich weder entschuldigen noch mich bemühen muß, dich für die Enttäuschung zu entschädigen.” Also eigentlich kein Kompliment für den anderen, sondern die eigene sozial-emotionale Bankrotterklärung.
“Ich hoffe, du verstehst das” ist ein doppeltes Druckmittel. Erstens verleiht ein Mensch einer Hoffnung Ausdruck - und wer mag ihm die schon nehmen? Wer da mit “Nein” antwortet, enttäuscht nicht nur seinerseits einen Menschen, sondern outet sich (zweitens) auch noch entweder als Dummkopf oder aber als egozentrischer, verständnisloser Kotzbrocken. Ist also noch viel böser als der andere. Zumindest soll er das jedoch glauben. Denn es wird nonchalant vom Verursacher darüber hinweggegangen, daß er selbst schließlich bereits die Hoffnungen des Enttäuschten zerstört und somit eigentlich überhaupt kein Anrecht auf irgendwelche Hoffnungen oder gar weitere Forderungen hat. Eigentlich ist er sogar derjenige, der dem Enttäuschten etwas schuldig ist. Doch - to add insult to injury - es wird nun obendrein noch gefordert, daß der Enttäuschte auf seine eigenen Hoffnungen stumm verzichten und all das einfach schlucken und sogar absegnen soll.
Beide Formulierungen haben also die selbe Wirkung: Es wird darauf spekuliert, daß der Enttäuschte den “guten Eindruck”, den der andere von ihm hat, nicht zunichte machen möchte. Und somit den Verursacher gezwungenermaßen ohne Widerspruch aus der Verantwortung entläßt. Denn würde man auf die obige Frage/Hoffnung mit “Nein” antworten, gäbe man ja zu, kein so guter und verständnisvoller Mensch zu sein, wie die Umwelt (angeblich) glaubt. Und wer will das schon? Eben. Was wiederum bedeutet: Die soziale Kompetenz des Enttäuschten wird zu allem Überfluß auch noch ausgenutzt, um die soziale Inkompetenz des Verursachers zu vertuschen. Oder anders gesagt: Das Opfer trinkt auch noch von dem Kakao, durch den es gezogen wird.
Nun ja. Gute Mädchen kommen in den Himmel. Böse kommen überall hin… Das gilt aber für beide Seiten.
Nachtrag, bevor sich jemand wundert: Hier geht’s nicht um mich. Der Betreffende/Betroffene wird schon selber wissen, ob er sich aus meiner Tirade vielleicht etwas mitnehmen kann. ;o)




