Ute Gerhardt im World Wild Web
Mittwoch, 05. Juli 2000
Fragen über Fragen
So langsam dämmert es mir erst einmal, auf was ich mich da eingelassen habe und wie viel ich in den nächsten 11 Wochen noch zu tun haben werde. Bei der neuen Wohnung fängt es schon mal an—für die Suche werde ich wohl den Urlaub im August verwenden müssen, wenn ich bis Oktober eine Bleibe haben will. Dann ein Konto eröffnen, mich erkundigen wegen der Versicherungen, Telefon beantragen, Wasser und Elektrizität, eventuell die neue Wohnung renovieren, auseinanderklamüsern, welche Ausgaben über mein deutsches Konto weiterlaufen müssen und welche über das belgische. Wie mache ich das mit der SOS-Kinderdorf-Patenschaft? Wie mit der Fernuni Hagen? Wie mit Puretec? Was mit der Kreditkarte? Dann ein Umzugsunternehmen suchen, die Sachen zusammenpacken, ausmisten, was nicht mehr gebraucht wird, evtl. den Sperrmüll bestellen. Dann die Rennerei zu den Rathäusern: Abmelden, anmelden, neuer Personalausweis. Puuuuuuuuuuuuuuh! Dem Himmel sei dank, daß mir sowohl A. als auch M. schon ihre Hilfe angeboten haben. Und was hat Belgien eigentlich für ein Fernseh-Format? PAL oder SECAM?
Brüssel ist eine tolle Stadt, aber ich werde auch hier vieles vermissen. Mit meinen Freunden fängt es schon mal an, obwohl man sich natürlich immer noch besuchen kann. Bei den kleinen gemütlichen Kneipen sieht’s da schon ein bißchen anders aus, da muß ich mir wohl ganz neue suchen. Und den kleinen Zierapfelbaum vor dem Schlafzimmerfenster sehe ich jetzt auch nicht mehr weiterwachsen. Manchmal frage ich mich, wie lange ich eigentlich noch so durch die Gegend zigeunern will. England, Frankreich, nochmal England, wieder Frankreich, dann Deutschland, jetzt Belgien. Sobald ich irgendwo fest im Sattel sitze, geht’s auch schon wieder auf und über alle Berge. Warum mache ich das eigentlich? Herausforderung, sicher. Neugier, ganz klar. Karriere, logisch. Aber kann es nicht auch sein, daß ich vielleicht vor irgendetwas davonlaufe? Vielleicht versuche, Schönes hinter mir zu lassen, bevor es mich hinter sich läßt? Oder denke ich jetzt zu kompliziert?
Ja, ich geb’s zu, ich bin momentan auch etwas traurig. Weil M. für so lange Zeit nach Japan geht. Weil P. mich ganz offenbar einfach so weggeworfen hat, es ihn nicht mehr interessiert, was ich mache und wie es mir geht. Nach einigen Anläufen habe ich dann endlich eine Mail geschrieben und ihm von dem neuen Job erzählt. Angeblich wollte er es ja unbedingt wissen. Keine Reaktion, noch nicht einmal ein kleines “Herzlichen Glückwunsch”—hätte ich mir ja denken können. Nun gut, solange ich von ihm nichts mehr höre, hört er ab jetzt auch nichts mehr von mir. Die alte Einladung für Ende Juli kann ich vermutlich mitsamt Ticket auch demnächst in den Papierkorb werfen. Hätte ich bloß gar nicht erst gebucht.
Kaputt ist auch die Freundschaft mit J., die auch wieder nur darauf wartet, daß ich mich bei ihr melde, weil ihr gar nicht der Gedanke kommt, es könnte mir wichtig sein, daß auch sie einmal etwas tut, um den Kontakt aufrecht zu erhalten. Auch von ihr kam nicht der leiseste Kommentar zum Jobwechsel, obwohl ich mich mit ihr immer über jeden noch so belanglosen Quark gefreut habe, solange es ihr wichtig war. Aber das ist wohl auch schon keine Freundschaft mehr. Eineinhalb Jahre lang war ich diejenige, die sich immer und immer wieder bemüht hat, und jetzt mag ich einfach nicht mehr. Das hat nichts mit Trotz zu tun, sondern einfach nur mit Resignation und mit dem Vorsatz, niemandem mehr hinterherzulaufen. Komischerweise trifft mich die Stille von P. und J. noch viel mehr als der Neid von Cl. Warum? Weil Neid wenigstens noch voraussetzt, daß der Neider sich mit seinem Gegenüber befaßt. Weil er den Wert dessen erkannt hat, was man erreicht hat. Für den Gleichgültigen hat man aber selbst schon gar keinen Wert mehr.
Einige Dinge, die mir wichtig sind/waren, zerbröseln einfach um mich herum, inklusive der Abteilung, in der ich bisher gearbeitet habe, und ich kann es nicht aufhalten. Da ist es vielleicht wirklich auch in dieser Hinsicht besser, ich mache einen glatten Schnitt durch alle Ebenen. Wenn sich die Gelegenheit gerade so schön bietet.




