Ute Gerhardt im World Wild Web

 
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Dienstag, 04. Juli 2000

Die ungeschminkte Wahrheit

Oh weh, da hat mich der eine oder andere wohl gründlich mißverstanden. LOL! Stimmt, ich schminke mich nicht, aber ich mute meiner Umwelt auch keinen unappetitlichen Anblick zu. Es würde mir nie in den Sinn kommen, ungeduscht oder mit ungewaschenen Haaren oder schmutziger Kleidung herumzulaufen, sonst würde ich mich selbst nicht mehr wohl fühlen. Ein gewisses Maß an Hygiene und Ästhetik muß man schon einhalten, finde ich. Es ist ganz einfach auch ein Zeichen von Respekt den Mitmenschen gegenüber, eine Art zu sagen: “Eure Wertschätzung bedeutet mir etwas.” Das kann sogar sehr viel Spaß machen, nämlich dann, wenn man seine Vorzüge leicht betont und weniger Schönes dezent kaschiert. Also: Ich gebe mir durchaus Mühe, nur eine Vorspiegelung falscher Tatsachen bzw. clownhafte Auftritte sind nicht mein Ding.

Schade finde ich es bloß, wenn jemand rein äußerlich piekfein getrimmt ist und gut aussieht, und dann durch sein Verhalten wieder alles kaputt macht. Die junge Dame im Zug zum Beispiel, die ich alle paar Tage morgens sehe. Gut gekleidet, adrette Frisur, hübsch noch dazu—alles wunderbar. Bis sie sich hinsetzt. Von da an wird dann an den Händen geknibbelt, an den Fingernägeln genagt, der Kopf gekratzt, die Nase gerieben, auf der Lippe gekaut, mit den Füßen gezappelt… Die Frau ist ein einziges Nervenbündel, man mag gar nicht hinsehen.

Naja, dafür denkt der eine oder andere von mir vermutlich, daß ich eigentlich in eine Gummizelle gehöre. So, wie heute morgen zum Beispiel. Da saß so ein verschlafener Typ mit tranigem Blick mir gegenüber, der sich im krassen Gegensatz zu Frau Nervenbündel so gut wie gar nicht rührte. Und ich mußte so sehr grinsen, weil ich aus irgendeinem unerfindlichen Grund an diese eine Kurzgeschichte aus Melody’s Buch dachte… Was wäre wohl passiert, wenn ich zu Herrn Schlafmütze gegangen wäre, mich wie ein Kätzchen an ihm gerieben und die “Zauberformel” rezitiert hätte: “Alles was ich will, ist jemand, den ich liebhaben darf und der zu mir gehört...” Ob da wohl Leben in diesen Mann gekommen wäre, oder ob er so tranig da sitzen geblieben wäre? *prust*

Meine Güte, mir kann es aber auch offenbar überhaupt niemand recht machen. Denn irgendwie habe ich mich in der Geschichte schon wiedererkannt, das muß ich gestehen. Deshalb spukte sie mir vermutlich auch schon heute morgen im Kopf herum. Nun ja, es ist schon ein paar Jahre her, daß ich einer Freundin die Ohren vollgeheult habe (da war ich sinnigerweise noch verlobt), aber sonst stimmt der Grundtenor schon irgendwie. Warum ist mir niemand gut genug? Wonach suche ich eigentlich? Oder besser gesagt: Warum irre ich mich, denke, es sei der Richtige, und dann stellt sich heraus, daß das doch nicht der Fall ist? Und warum zögere ich in anderen Fällen so lange?

Rubrik: Gelebt | 0 Kommentare (42 mal gelesen) | Permalink
 

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