Die ungeschminkte Wahrheit

Dienstag, 04. Juli 2000

Oh weh, da hat mich der eine oder andere wohl gründlich mißverstanden. LOL! Stimmt, ich schminke mich nicht, aber ich mute meiner Umwelt auch keinen unappetitlichen Anblick zu. Es würde mir nie in den Sinn kommen, ungeduscht oder mit ungewaschenen Haaren oder schmutziger Kleidung herumzulaufen, sonst würde ich mich selbst nicht mehr wohl fühlen. Ein gewisses Maß an Hygiene und Ästhetik muß man schon einhalten, finde ich. Es ist ganz einfach auch ein Zeichen von Respekt den Mitmenschen gegenüber, eine Art zu sagen: “Eure Wertschätzung bedeutet mir etwas.” Das kann sogar sehr viel Spaß machen, nämlich dann, wenn man seine Vorzüge leicht betont und weniger Schönes dezent kaschiert. Also: Ich gebe mir durchaus Mühe, nur eine Vorspiegelung falscher Tatsachen bzw. clownhafte Auftritte sind nicht mein Ding.

Schade finde ich es bloß, wenn jemand rein äußerlich piekfein getrimmt ist und gut aussieht, und dann durch sein Verhalten wieder alles kaputt macht. Die junge Dame im Zug zum Beispiel, die ich alle paar Tage morgens sehe. Gut gekleidet, adrette Frisur, hübsch noch dazu—alles wunderbar. Bis sie sich hinsetzt. Von da an wird dann an den Händen geknibbelt, an den Fingernägeln genagt, der Kopf gekratzt, die Nase gerieben, auf der Lippe gekaut, mit den Füßen gezappelt… Die Frau ist ein einziges Nervenbündel, man mag gar nicht hinsehen.

Naja, dafür denkt der eine oder andere von mir vermutlich, daß ich eigentlich in eine Gummizelle gehöre. So, wie heute morgen zum Beispiel. Da saß so ein verschlafener Typ mit tranigem Blick mir gegenüber, der sich im krassen Gegensatz zu Frau Nervenbündel so gut wie gar nicht rührte. Und ich mußte so sehr grinsen, weil ich aus irgendeinem unerfindlichen Grund an diese eine Kurzgeschichte aus Melody’s Buch dachte… Was wäre wohl passiert, wenn ich zu Herrn Schlafmütze gegangen wäre, mich wie ein Kätzchen an ihm gerieben und die “Zauberformel” rezitiert hätte: “Alles was ich will, ist jemand, den ich liebhaben darf und der zu mir gehört...” Ob da wohl Leben in diesen Mann gekommen wäre, oder ob er so tranig da sitzen geblieben wäre? *prust*

Meine Güte, mir kann es aber auch offenbar überhaupt niemand recht machen. Denn irgendwie habe ich mich in der Geschichte schon wiedererkannt, das muß ich gestehen. Deshalb spukte sie mir vermutlich auch schon heute morgen im Kopf herum. Nun ja, es ist schon ein paar Jahre her, daß ich einer Freundin die Ohren vollgeheult habe (da war ich sinnigerweise noch verlobt), aber sonst stimmt der Grundtenor schon irgendwie. Warum ist mir niemand gut genug? Wonach suche ich eigentlich? Oder besser gesagt: Warum irre ich mich, denke, es sei der Richtige, und dann stellt sich heraus, daß das doch nicht der Fall ist? Und warum zögere ich in anderen Fällen so lange?


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Kein Wunder.

Montag, 03. Juli 2000

Wenn man seinen Körper mal versucht so zu betrachten, als säße man selbst nicht drin, sehen Arme ziemlich merkwürdig aus. Und der Bauchnabel erst… *g* Und das Spiel der Knochen unter der Haut der Hände, wenn man die Finger bewegt… Und die pulsierenden Adern, dieses feine Netz… Wie sich das alles dreht und verschiebt und faltet und streckt! Wie warm das ist—so viel Energie!

Die Augen fangen bestimmte Wellen auf und machen daraus Bilder, die wir verstehen können. Die Ohren verarbeiten noch andere Wellenlängen und lassen uns hören. Die Nase sorgt dafür, daß schon ein paar Moleküle eines Duftstoffes ausreichen können, um uns vor Gefahren wie einem Brand zu warnen. Die Haut sagt uns, wie kalt oder warm es ist.

Eigentlich ein faszinierendes Gebilde, so ein Mensch, sogar, wenn man es selbst ist, den man sich anschaut. Da werden kleine Makel dann noch unbedeutender.


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Funkstille

Sonntag, 02. Juli 2000

Hoffentlich wird mir verziehen werden, daß ich mich heute bei niemandem gemeldet habe, den ich eigentlich noch über Brüssel hätte informieren müssen oder den ich eigentlich noch irgendwann anrufen wollte. Nicht heute. Ich hatte einfach keine Lust mit jemandem zu reden. So ist das… Es war ein richtig schöner Tag, nur mit Musik, Lesen, Essen und Eressea-Spielen verbracht. Das ewige Lächeln und die Gespräche über alles und nichts gehen spätestens morgen im Büro wieder los. Sind nette Leute, die Kollegen, und auch S., D., Ch. und Konsorten, aber es kann so schön sein, mal einen ganzen Tag lang nichts sagen zu müssen. Tagebuch zählt nicht, auch wenn jetzt seit ein paar Wochen auch noch andere mitlesen können. *g*

Die Schreckenstein-Mailingliste wird langsam etwas unverständlich. Da bieten zwei, die einander auch noch kennen, für den selben Artikel auf E-Bay und der erste der beiden Bieter regt sich dann öffentlich darüber auf, daß die alte Abmachung gebrochen wurde und einer den anderen überboten und den Preis in die Höhe getrieben hat. Leute, redet doch einfach mal miteinander! Noch im April habt Ihr beim Listentreffen jede Menge Jux miteinander gemacht—es kann doch nicht so schwer sein, sich dann bei zwei so läppischen Auktionen zu einigen? OK, ich überbiete auch kein anderes Listenmitglied, aber wenn ich es wollte, oder wenn einer mich überbietet, spreche ich doch denjenigen erstmal persönlich an, statt verbissen weiterzubieten, bis die Auktion gelaufen ist und die ganze Angelegenheit dann öffentlich breitzutreten.

Manchmal frage ich mich, ob ich eigentlich zu überheblich bin oder was sonst mit mir los ist, daß ich über solche Probleme nur den Kopf schütteln kann. Fehlt mir einfach das Verständnis für andere und ihre Sorgen? Bin ich zu eingebildet? Zu egozentrisch? Ich meine, mein “Standard” kann ja auch nicht das Maß aller Dinge sein, und wenn es Menschen gibt, die sich über solche Dinge wie verkorkste Auktionen aufregen, dann kann es doch sein, daß das tatsächlich irgendwie wichtig ist und ich nur zu blöd bin, das zu erkennen, oder? Was ist bloß mit mir los, daß ich das nicht nachempfinden kann? Und was halten andere von meinen eigenen Problemen? Einige denken doch mit Sicherheit auch, daß ich mich nur über belanglosen Unfug aufrege, oder? Was ist denn nun wirklich wichtig?


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Trari, trara, die Post ist (nicht) da.

Samstag, 01. Juli 2000

Also was das nun wieder sollte, verstehe ich ja nicht so ganz! Heute morgen war ich definitiv zu Hause, und trotzdem habe ich jetzt wieder eine dieser orangefarbenen Karten im Briefkasten, ich sei nicht anzutreffen gewesen und möchte innerhalb der nächsten 7 Werktage mein Päckchen da und dort dann und dann abholen. Der blöde Postbote hat sich offenbar noch nicht einmal die Mühe gemacht zu klingeln, vermutlich in der Annahme, ich sei ja sowieso mal wieder nicht zu Hause, oder vielleicht auch einfach nur deshalb, weil er keine Lust hatte Treppen zu steigen? Toll. Jetzt kann ich am Montag für diesen Unsinn schon wieder durch die halbe Stadt gondeln. Was ist das überhaupt für ein Päckchen? A.s Videos sind schon hier, Weihnachten ist noch lange hin und mein Geburtstag ist im Frühjahr—wer schickt mir also mitten im Jahr etwas? Für Melody’s Buch dürfte es ja noch ein wenig zu früh sein, oder?

Egal, ich bin immer noch zu fröhlich, um mir von so einem Mißgeschick den Tag vermiesen zu lassen! Brüssel! Das wird mit Sicherheit interessant! Hoffentlich schaffe ich das alles… Neuer Job, Fernstudium, Umzug, Freunde in der neuen Umgebung finden… Das kann ja heiter werden! *g* Naja, man wächst ja bekanntlich an der Aufgabe; wird schon irgendwie schiefgehen. Ist ja auch nicht das erste Mal. Und im Notfall hilft die belgische Schokolade. ;o)

Ein lustiges Erlebnis hatte ich heute im Supermarkt: Zwei junge Damen - vielleicht zwischen 18 und 20 - begutachteten mich verstohlen von oben bis unten. Dann wisperte die eine der anderen zu: “Wenn die sich schminken würde, wäre sie richtig hübsch.” Ich mußte einfach nur lachen. Nee, Mädels, da habt Ihr wirklich was mißverstanden. Wenn ich mich schminken würde, sähe ich bestimmt nicht besser aus. Ich hätte nur eine bunte Maske auf. An mir selber würde sich gar nichts ändern, und deswegen lasse ich die Maske auch gleich weg.

Wissen diese Frauen mit einer dicken Schicht Edel-Beton im Gesicht eigentlich noch, wie schön sich das anfühlt, wenn einem der Wind direkt über die Haut streicht? Wenn man einfach so mit jemandem schmusen kann, ohne Angst zu haben, daß sich die mühevoll zurechtgepinselte Kriegsbemalung dabei in ein Mirò-Gemälde verwandelt? Oder wenn man das Gesicht nach einem heißen Sommertag in den Regen halten kann? Oder sich nach einem anstrengenden Tag einfach mal so die Augen reibt?

Haben sie eine Ahnung, wie ungepflegt ihre zu Spinnenbeinen verklebten Wimpern aussehen? Noch niemals in meinem Leben habe ich getuschte Wimpern gesehen, wo nicht doch mindestens zwei oder drei davon jeweils zu einem Bündel zusammengepappt waren! Noch nie! Und ja, Mädels, auf einen Meter Entfernung sieht man es immer, auch wenn Euch die Mascara-Werbung noch so feine Bürstchen und noch so “natürliche” Ergebnisse verspricht. An manchen Wimpern kleben sogar ganz vorne noch kleine Klümpchen. Das soll wohl die Wimpern optisch verlängern, sieht aber einfach nur so aus, als hätte man sich den Schlaf nicht richtig aus den Augen gewaschen—buäh!

Wissen sie wohl auch, wie komisch es wirkt, wenn sie sich herumdrehen und man den Übergang vom braunen Gesicht zum blassen Hals (oder umgekehrt) sehen kann, da, wo das Make-Up endet? Irgendwo endet es nämlich immer, und selbst wenn der Übergang gut verwischt ist, fällt der Kontrast zwischen Gesicht und restlicher Haut doch jedem auf, der genauer hinsieht. Gerade jetzt im Sommer, wo viel Haut gezeigt wird, und sei es nur, weil die bloße Haut Sommersprossen hat und das Gesicht eigenartigerweise überhaupt keine. Oder nehmen wir den Lippenstift, der langsam in die Fältchen um den Mund herum rinnt, von rotgefärbten Zähnen ganz zu schweigen. Und wissen diese Malerinnen auch, wie sehr sie ihre Schatten unter den Augen durch diese schwarzen Striche unter den unteren Wimpern noch betonen?

OK, wem’s gefällt, der soll’s halt machen, das ist nicht meine Sache. Aber kein Mensch wird es schaffen mir einzureden, daß Schminke schöner macht. Das, was untendrunter steckt, bleibt eh’ immer gleich, und wenn ich mich nicht schminke, muß ich außerdem nicht in Panik ausbrechen, wenn an einem Gammeltag mal jemand unangemeldet zu Besuch erscheint und mich ohne Kleister im Gesicht eventuell für schwer krank hält oder gar nicht erst wiedererkennt. *ggg*


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Brüsselliese

Freitag, 30. Juni 2000

Puh, endlich Wochenende! Heute ging es im Büro aber auch zu—am liebsten hätte ich acht Arme gehabt! Obwohl, wie ich mich so kenne, hätte ich die eh’ nur hoffnungslos verknotet. *g*

Jedenfalls kann ich heute abend endlich so lange wie ich möchte in meinem Buch schmökern. Isabel Allende, “Daughter of Fortune”. Einfach klasse in Handlung und Stil! Die Geschichte handelt vom Findelkind Eliza im Chile des späten 19. Jahrhunderts. Das Mädchen wächst dort bei einer angesehenen englischen Familie auf und verliebt sich mit 16 Jahren in einen Chilenen, der sie schwängert und dann nach Kalifornien reist, weil dort Gold entdeckt wurde. Er verspricht ihr zwar, zurückzukommen und sie zu heiraten, aber so lange will Eliza nicht warten. Mit der Hilfe eines chinesischen Arztes versteckt sie sich als blinder Passagier auf einem Dampfer und reist ihrem Geliebten nach. Weiter bin ich noch nicht gekommen. Leider… ;o) Die Story hört sich kitschig an, ist es aber absolut nicht. Auch die Lebensgeschichte des chinesischen Arztes wird in die Handlung mit eingewoben, so daß man eigentlich zwei Bücher auf einmal liest, deren Handlungen immer wieder auseinanderdriften und sich dann wieder treffen, wie die Schnüre eines Netzes. Wirklich super geschrieben.

Und zu guter Letzt… Es ist amtlich und meine Kollegen wissen auch endlich Bescheid: Im Herbst dieses Jahres werde ich nach Brüssel umziehen und dort eine neue Stelle antreten. Ich freue mich riesig! Wer weiß, vielleicht wird dann aus “Einblick - Ausblick” so eine Art “Belgisches Tagebuch”. So à la Thomas? *g*

So, und nun wird gefeiert! Ciao allerseits, und schönes Wochenende!


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Kreiselknöpfe

Donnerstag, 29. Juni 2000

Eigentlich hatte ich mir gestern abend ja vorgenommen, früh ins Bett zu gehen, aber dann rief M. an, um wieder mal so “richtig” zu quatschen, nicht nur kurz, wie vorgestern—und wie immer, wenn ich mit ihm telefoniere, ging es natürlich mal wieder bis tief in die Nacht. Schön war’s trotzdem; ich liebe es einfach, mit M. herumzualbern! Mit ihm kann ich mich über Gott und die Welt unterhalten, ohne daß da irgendwelche schrägen Zwischentöne drin wären—im Gegensatz zu den Gesprächen mit P. in letzter Zeit. Der lauert nur noch, ob ich ihn eventuell “einfangen” will, ich hingegen werde schon fuchsig, wenn ich auch nur den Verdacht habe, daß mir wieder eine seiner Predigten halten möchte, mir erzählen will, was wahre Liebe angeblich ist, oder mich sonstwie mit Weisheiten bombardiert. Die Spannung ist dabei direkt greifbar.

Richtig geschrieben haben wir uns schon seit drei Wochen nicht mehr, und mir fällt auch ehrlich gesagt fast nichts mehr ein, das ich ihm erzählen könnte. Das heißt, es gibt eine Menge, das ich ihm gerne erzählen würde, wenn ich nicht mit jedem Mal mehr Angst hätte, ruckzuck wieder in die Defensive gedrängt zu werden. Wenn ich da an das letzte Telefonat denke… Uff!

P. ist schon jemand Besonderes für mich, ich will diese Freundschaft auf jeden Fall erhalten (Himmel, wir kennen uns seit 25 Jahren!)—wenn ich bloß wüßte wie!!!  Ein paar Mal habe ich diese Woche versucht ihm zu schreiben und saß noch nach einer halben Stunde vor dem leeren Fomular, so wie gestern am frühen Abend.  Einen kleinen Zwischenbericht wollte ich ihm schicken, da ich ihm versprochen hatte, ihn über eine bestimmte Sache auf dem Laufenden zu halten—aber noch nicht einmal dazu fiel mir mehr etwas ein. Nach der Anrede war ich wie ausgelaugt. Solange ich nichts Abgeschlossenes und Unabänderliches nennen kann, will ich doch lieber gar nichts sagen, um nicht schon wieder rechtfertigen zu müssen, warum dieses so und anderes anders ist. Sie lähmt mich, die Vorstellung, ihn in mein Inneres schauen zu lassen und zu befürchten, daß es wie eine Zeichnung in der Schule bewertet wird, er versucht, daran herumzuradieren und Striche neu zu ziehen, die mir selbst aber gut gefallen, so wie sie sind. Ich habe noch nicht einmal mehr den Mut, ihm von Alltagsbegebenheiten zu erzählen, denn auch da waren in letzter Zeit mehr und mehr Belehrungen die Folge. Urlaub absagen oder nicht, Hotel in B. oder nicht… Woher will er wissen, wie ich mich am wohlsten fühle? Und warum muß ich das überhaupt erklären? Nicht, daß mir das an sich etwas ausmachen würde, aber wenn es fast unweigerlich dazu führt, daß meine Beschlüsse gleich wieder in Frage gestellt und mit Alternativen pariert werden (die ich schließlich auch schon kenne und erkenne, aber begründet verworfen habe!)… Das nervt. Es fühlt sich an, als dächte P., daß mir diese Alternativen gar nicht erst bekannt sind. Das ist es wohl, was mich so auf die Palme treibt, das Gefühl, unterschwellig bevormundet zu werden, nicht für voll genommen zu werden. Die implizierte Annahme, meine Überlegungen seien nicht ausreichend und bedürften in jedem Fall einer Ergänzung. Schließlich ziehe ich meine Entscheidungen ja nicht aus einer Lostrommel—ich denke doch auch vorher nach, Donnerwetter noch mal! Wirklich!

Lieb gemeint, seine Ratschläge, vielleicht, but they always come down on me like a ton of bricks. Ich brauche und will niemanden, der auf mich aufpaßt, dabei aber übersieht, daß ich nicht er bin, nicht so fühle, nicht so denke und vielleicht auch andere Bedürfnisse und Prioritäten habe. Von ihm selbst wohl unerkannt scheint P. zumindest im privaten Bereich nicht mehr zu unterscheiden zwischen einer ihm gegebenen Information und einer Bitte um Rat. Irgendwann in nächster Zukunft werde ich ihm sagen müssen, wie ich das empfinde, sonst flippe ich vielleicht noch bei einer Gelegenheit aus, die an sich gar keinen meiner berüchtigten “Vulkanausbrüche” rechtfertigen würde, und das wäre auch nicht fair.

Eine meiner frühesten Erinnerungen: Ich bin ungefähr vier Jahre alt und mache Urlaub mit meinen Großeltern im Stubai-Tal. Sie haben mir ein Malbuch geschenkt, in dem auch ein Kreisel abgebildet ist, den ich mit meinen Buntstiften in allen Regenbogenfarben ausmale. Den Knopf ganz oben am Kreisel habe ich mit Strichen wie eine Torte geteilt, jedes Segment bekommt eine andere Farbe. Mein Großvater schaut mir eine Weile zu und zieht mir plötzlich das Malbuch weg. Er ergreift den schwarzen Stift und malt den ganzen Knopf dick und unwiderruflich damit aus. “Die Knöpfe sind immer schwarz”, sagt er.

Aber meiner nicht.


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Chain Mails

Mittwoch, 28. Juni 2000

Zum Glück ist mit M. alles in Ordnung. Gestern abend habe ich ihn noch am Telefon erwischt.

Das neue Design dieser Homepage ist auch fertig; nachdem ich dieses ungewöhnliche Frauenportrait entdeckt hatte, gab’s für mich kein Halten mehr. (Die Gravur ist übrigens nicht von mir, sondern stammt aus dem frühen 19. Jahrhundert. :o) Muß ich noch irgendwie vermerken.) Die Frau hat was. Dieser Blick… Ich weiß immer noch nicht so genau, ob sie traurig ist, erstaunt, wütend oder einfach nur irre—genau wie bei mir selbst manchmal. *g*

Eines weiß ich allerdings ziemlich genau: Chain-Mails sind eine Verschwendung von Zeit, Geld und Bandbreite. Vor allen Dingen dieses ewige ”Was haben wir uns doch alle lieb! Und nun schick das gefälligst innerhalb von 5 Minuten an all deine Freunde und an den Absender, sonst brennt Dir sieben Jahre lang jeden Morgen das Kaffeewasser an.” Erzwingung von Freundschaftsbeweisen unter Strafandrohung, noch dazu unter Berufung auf eine sogenannte “höhere Macht”—bescheuerter geht’s doch gar nicht. *an die Stirn tipp* Nee, solche Mails schicke ich grundsätzlich nicht weiter, und schon gar nicht an meine Freunde. Die würde ich nämlich gerne noch eine Weile behalten. (Und außerdem würde ich liebend gerne herausfinden, wie diese angebliche Vernetzung von meinem Computer mit meinem Wasserkocher funktioniert. Noch’n Grund, nix weiterzuleiten, hehe!)

Wie kommt es eigentlich, daß solch moralingesättigter Schwachsinn fast ausschließlich aus dem anglo-amerikanischen Raum stammt? Noch nie habe ich derartige Mails z.B. aus Frankreich bekommen. Vereinzelt zwar auch mal aus Deutschland oder der Schweiz, aber selbst das waren meist “Originale” aus den USA. Haben sich die Mayflower-Gene der Amerikaner so lange gehalten, oder sind wir Europäer von einzelnen Ausnahmen abgesehen einfach zu nüchtern? Oder kennen mich meine Bekannten hier drüben einfach so viel besser, daß sie mir im Gegensatz zu den US-Bekannten so ein Zeug erst gar nicht zuschicken? Jedenfalls war da der Witz von B. schon besser:

Frage: Was kommt dabei heraus man, wenn man Viagra an ein Glühwürmchen verfüttert?
Antwort: Eine Stehlampe.

Jaja, OK, der ist nicht ganz stubenrein, aber da habe ich schon wüstere Homepages gesehen. Und überhaupt, das hier ist mein Tagebuch. So! ;o)


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Almbussis

Dienstag, 27. Juni 2000

Meine Güte, heute morgen habe ich erst gehört, was da gestern in Hamburg passiert ist! Das macht mich noch wütender! Da muß wieder mal ein Kind sterben, nur weil diese Hundehalter sich selbst maßloß über- und ihre Hunde entsprechend unterschätzen! Dazu gibt es eigentlich schon gar nichts mehr zu sagen…


So langsam fange ich an, mir Sorgen um M. zu machen. Eigentlich wollten wir uns diesen Sommer noch treffen, aber seit 10 Tagen herrscht völlige Funkstille; er reagiert nicht mehr auf meine Mails oder Anrufe. Als das das letzte Mal passiert ist, lag er schließlich im Krankenhaus, und das nicht zum ersten Mal… Am liebsten würde ich hinfahren und nachsehen, aber es kann ja auch sein, daß er einfach nur für ein paar Tage spontan in den Urlaub gefahren ist. Bis Ende der Woche gebe ich ihm noch, dann rufe ich L. an und frage ihn, ob mit M. alles in Ordnung ist. Die Postkarte der beiden aus Südtirol war übrigens ein Brüller. “Alm-Bussis” von zwei Kühen! LOL!

Insgesamt stelle ich fest, daß es mir eigentlich rundherum gut geht. Gesundheit, nette Freunde, berufliche Chancen (noch mal 4 Tage warten… es macht mich wahnsinnig! *g*), und ich muß niemanden fragen, ob ich dies tun kann oder jenes lassen soll. Falls es mir in den Sinn kommen sollte, morgen nach Honolulu auszuwandern, könnte ich genau das tun. Wenn ich zu Mittag Buttercremetorte mit Senf essen wollte - auch gut, da redet mir keiner drein. Dagegen um mich herum Paare, die sich partout nicht einigen können, ob und wann man etwas getrennt unternehmen darf oder sollte. Wo beide kaum noch Zeit für sich selbst haben, weil der jeweilige Partner sich sonst gleich auf den Schlips getreten fühlt. Puhhh… So will ich bestimmt nicht leben, das fehlte mir noch!

Wirklich nervig ist momentan wirklich nur die Bahnfahrerei. Die DB ist inzwischen ein derart unzuverlässiger Haufen geworden, daß die 80 km pro Tag langsam zum reinsten Horror-Trip werden. Überfüllte, dreckige Waggons, es zieht und klappert an allen Ecken und Enden, Unpünktlichkeit, Fehlinformationen—die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Gestern zum Beispiel: Der Zug hat eine Viertelstunde Verspätung, angekündigt sind aber nur 5 Minuten. Wenn man eher gewußt hätte, daß es sich eigentlich um 15 Minuten handelte, hätte man noch vorher einen anderen Zug nehmen können. Aber nein! Die 15 Minuten Verspätung werden erst zugegeben, als der andere Zug gerade weg ist. Muß denn so etwas sein? Oder nehmen wir diese beknackte Ansage: “… Ihre nächste Reisemöglichkeit nach Duisburg erreichen Sie um soundsoviel Uhr soundso auf Gleis soundso...”. Nett! Sehr hilfreich! Wer aber noch über Duisburg hinaus weiterreisen muß, bekommt sinnigerweise keine Alternative genannt, dabei wäre das doch viel wichtiger! Nach Duisburg kommt man von Düsseldorf aus schließlich allemal irgendwie; nach Münster sieht das schon anders aus. Vielleicht sollte ich mir in absehbarer Zeit doch mal ein Auto zulegen—dann landet man zwar vielleicht im Stau, sitzt aber immerhin—und zwar nicht eingepfercht zwischen schweißverklebten anderen Menschen, sondern alleine und bequem, hat eine Klimaanlage und kann Musik hören. Irgendwie wirkt diese Alternative immer attraktiver auf mich…

Hm, irgendwie wirkt mir dieses Tagebuch zu düster; rein optisch, meine ich. Da muß ich doch was gegen unternehmen…


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Hunde und ihre Besitzer. *grrr*

Montag, 26. Juni 2000

Wie kommen Hundebesitzer eigentlich immer auf die Idee, daß ihre vierbeinigen Lieblinge auch gleichzeitig die Lieblinge der restlichen Bevölkerung sein müßten? Heute kam schon wieder so ein dämliches Vieh auf mich zugesprungen und hat mir mit seinen dreckigen Pfoten die Kleidung verschmutzt—noch dazu aus einer Toreinfahrt raus; ich habe mich ja fast zu Tode erschrocken! Und was hat der blöde Hundehalter dazu zu sagen? Richtig, das übliche wohlwollend-herablassende “Keine Angst, der tut nix, der will nur spielen! (Und ob Du vor Schreck einen Herzinfarkt bekommst oder Deine Kleidung zerfetzt wird, ist mir sowieso egal.)”

Ja aber hallo! Bin ich ein Hundespielzeug??? Ob ich mit so einem Vieh balgen will oder nicht, entscheide immer noch ich, klar?

Bloß gut, daß ich schon auf dem Weg nach Hause war und nicht noch in den dreckigen Klamotten zur Arbeit mußte. Wäre nett, wenn die Hundebesitzer in diesem Land sich endlich mal merken könnten, daß sich nicht alles nur um ihre blöden Kläffer dreht! Bloß weil sie es mögen, wenn einem so ein Urvieh mit seinen Pranken den Brustkorb eindrückt und einem seinen widerlich stinkenden Atem ins Gesicht schnauft, muß das noch lange nicht das höchste der Gefühle für die Mitmenschen sein. Ist denn das so schwer zu verstehen? Stattdessen wird man auch noch angeblafft, wenn man dem Besitzer die Meinung geigt! Für wen oder was halten die sich eigentlich, daß sie einfach mit ihren Tieren nichtsahnende Passanten belästigen und dann auch noch erwarten, daß die das niedlich finden? Das ist eine Unverschämtheit sondergleichen und hat mit Tierliebe rein gar nichts zu tun! Aber wehe, wenn den selben Leuten ein kleines Kind mit Schokoladenfingern die Hose versaut, dann ist das Geschrei auch bei diesen sogenannten Tierfreunden groß!

PF gibt mir auch immer neue Rätsel auf. Erst schreibt er, daß er mehr Zeit für sich braucht und sich deshalb von allen zurückziehen will, meint aber, ich könnte ihm ruhig weiter E-Mails schicken. Tssst… Wie großzügig… Frei nach dem Motto “Wasch mir den Pelz, aber mach’ mich nicht naß”. Ja wozu soll ich Dir denn schreiben, wenn ich doch weiß, daß keine Antwort kommen wird? Bin ich meschugge? Da kann ich mich doch gleich mit der Wand unterhalten! Du bist mir schon ein komischer Vogel! Besten Dank, aber um Monologe zu halten, habe ich schließlich mein Tagebuch. *g*

In diesem Sinne: Schönen Abend noch! :o)


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Blue Venetian Water

Sonntag, 25. Juni 2000

Der zweite Heiratsantrag meines Lebens - na wenn das kein besonderes Ereignis ist… *g* Gestern fragte ich noch nach dem Lied “Blue Venetian Water” von Harpo Marx, heute ist der Besitzer des MP3 wieder online und ich stürze mich natürlich wie ein Geier auf das Lied, um es herunterzuladen. Naja, das dauert bei 3,5 MB natürlich seine Zeit, also frage ich den guten Menschen—ein gewisser James—ob sich das eventuell etwas beschleunigen läßt, bevor meine Internet-Verbindung mal wieder zusammenbricht. Daraus erwächst ein Chat, an dessen Ende ein Heiratsantrag steht. Hihi… *an die Stirn tipp* Vor einer Woche habe ich mich noch beschwert, daß niemand die Frau in mir wahrnimmt, und nun das. Wie war das doch gleich? “Sei vorsichtig mit Deinen Wünschen, sie könnten in Erfüllung gehen.” *lachweg*

Ansonsten habe ich heute nichts weiter erlebt, nur ein paar Mails geschrieben, gefuttert, was das Zeug hielt, telefoniert und bin mal wieder Eis essen gegangen. Natürlich hat’s mir in die Waffel geregnet, war ja klar. Aber es war (und ist noch) ein schöner Tag! :o)


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