Ute Gerhardt im World Wild Web
Samstag, 08. Juli 2000
J.
Soso, unser lieber Herr Wirtschaftsminister will also immer noch eine Umsatzsteuer auf im Internet angebotene Dienste wie Software-Downloads und Bestellungen aus dem Ausland einführen. Ob der selbst einen Internet-Anschluß hat? Oder sich inzwischen wohl mal um die technische Durchsetzung eines solchen Unfugs Gedanken gemacht hat? Genausogut könnte er versuchen, einen Pudding an die Wand zu nageln. Bin ja mal gespannt, was bei der G7-Sitzung zu dem Thema herauskommt.
Ich denke immer noch darüber nach, ob ich meine “Freundschaft” mit J. einfach stillschweigend beenden oder ihr noch einen letzten Brief schreiben soll, in dem ich ihr erkläre, warum es meiner Meinung nach keinen Sinn mehr hat, länger in Kontakt zu bleiben. Denn dieser Kontakt kommt ja sowieso nur von mir. J. scheint Freundschaft für etwas zu halten, das man einmal geschenkt bekommt und dann beiseite schieben und verstauben lassen kann, bis man es mal wieder braucht. Daß man an einer Freundschaft kontinuierlich arbeiten muß, hat sie vermutlich nie kapiert. Sobald ich Unmut äußere, kommt ein dämlicher Kommentar wie “You have to understand this...!” “You have to realize that...!” Das einzige, was ich noch verstehe, ist, daß ich es einfach satt habe. Tausend Entschuldigungen, warum sie nie Zeit für ihre Freunde hat, gleichzeitig wächst ihre Homepage jedoch unaufhörlich weiter. (Aber wenn sie was will, bin ich plötzlich wieder ihre beste Freundin.) OK, jeder kann seine Prioritäten setzen. Ich eben auch, und J. gehört nicht mehr dazu.
Eigentlich kann sie einem leid tun. Gerade sie bräuchte meiner Ansicht nach unbedingt mehr Kontakte, vor allem dauerhafte. Aber ich fühle mich wirklich nicht zum Sozialarbeiter oder Psychotherapeuten berufen. Ich gebe und gebe und gebe, während sie nur nimmt. Dafür bin ich mir jetzt wirklich zu schade geworden. Die anderen Freunde, mit denen sie sich trifft, sind ausnahmslos nur Kollegen und/oder Freunde ihres Mannes, die sie nun als die ihren bezeichnet. Dabei ist immer E. derjenige, der diese Leute anruft, einlädt oder Einladungen annimmt. Und die Namen von J.s Online-Freunden bleiben auch nie lange die selben. Sobald sie meint, daß eine Freundschaft existiert, gibt sie sich keinerlei Mühe mehr, diese auch aufrecht zu erhalten, meint, das würde nun einfach so bleiben. Wenn dann einer von der Bildfläche verschwindet, probiert sie es halt beim nächsten und das Spiel geht von vorne los. J. verbraucht Menschen so, wie andere Leute eine Dose Cola. Sie wird sicherlich auch mich schnell ersetzen, und das macht es mir doch um einiges leichter. Du lieber Himmel, wenn ich so leben müßte…
Tja, soll ich ihr nun schreiben oder nicht? Wem würde es etwas bringen? Andererseits habe ich aber auch keine Lust, eines Tages einen Anruf von ihr zu bekommen, weil sie mich mal wieder braucht, und ihr dann erklären zu müssen, daß die Freundschaft schon lange vorbei ist. Blöde Situation…
Donnerstag, 06. Juli 2000
Auf Wohnungssuche
So, nun ist aber mal Schluß mit dem Gejammer! Niela hat schon ganz recht, ich sollte einfach nur froh sein, daß ich so eine Chance bekomme, kreuz und quer durch die Gegend zu gondeln.
Im Internet habe ich mich inzwischen mal ganz vorsichtig nach den gängigen Mietpreisen in Brüssel erkundigt, dabei aber fast einen Herzschlag bekommen. Diese Wohnung hier wäre z. B. nach meinem Geschmack (sogar mit offenem Kamin!), aber eben auch reichlich teuer, im Vergleich zu meiner jetzigen Bleibe. Naja, wir werden sehen. Schließlich verdiene ich demnächst ja auch ein bißchen mehr als vorher. *g*
Und wenn ich Glück habe, muß ich morgens und abends auch nicht mehr Zug fahren! Obwohl, das ist ja nicht immer soooo langweilig. Die Zeitungsleser zum Beispiel, hat auf die mal jemand geachtet? Da gibt’s ja eine richtige Typologie! Zum Beispiel der Leser, der seine Zeitung auf allerengstem Raum so zusammenfaltet, daß nur der Artikel noch sichtbar bleibt, den er selbst gerade liest. Oder derjenige, der im Gegensatz dazu die Zeitung so weit auseinanderfaltet, daß er seinem Nebenmann nicht nur die Sicht versperrt sondern auch fast noch die Zähne ausschlägt. (Ob ich irgendwann einfach mal zubeißen soll?) Dann hätten wir da noch denjenigen, der seine Zeitung komplett auseinanderrupft und zerfleddert. Da frage ich mich manchmal, ob er wohl selber noch weiß, welchen Artikel er gerade lesen wollte. Es gibt auch die, die erst weeeeeeeeeeeit ausholen, um umzublättern, dann aber ruckartig die Zeitung auf die Hälfte des Formats zusammenfalten, so daß man als Nachbar wieder freie Sicht bekommt.
Unter all diesen Typen gibt es dann die, die nur die Überschriften überfliegen, die, die nur den Sportteil lesen, die, die alles nur an- aber nichts komplett lesen, die, die jeden Artikel gründlichst lesen, die, die beim Lesen einschlafen, die, die mit grimmiger Miene nur darauf achten, daß auch ja kein anderer mitliest, und die daher selbst schon nicht mehr zum Lesen kommen… Man sollte auf Zeitungsleser wirklich mal ein paar Soziologen ansetzen. *ggg*
Mittwoch, 05. Juli 2000
Fragen über Fragen
So langsam dämmert es mir erst einmal, auf was ich mich da eingelassen habe und wie viel ich in den nächsten 11 Wochen noch zu tun haben werde. Bei der neuen Wohnung fängt es schon mal an—für die Suche werde ich wohl den Urlaub im August verwenden müssen, wenn ich bis Oktober eine Bleibe haben will. Dann ein Konto eröffnen, mich erkundigen wegen der Versicherungen, Telefon beantragen, Wasser und Elektrizität, eventuell die neue Wohnung renovieren, auseinanderklamüsern, welche Ausgaben über mein deutsches Konto weiterlaufen müssen und welche über das belgische. Wie mache ich das mit der SOS-Kinderdorf-Patenschaft? Wie mit der Fernuni Hagen? Wie mit Puretec? Was mit der Kreditkarte? Dann ein Umzugsunternehmen suchen, die Sachen zusammenpacken, ausmisten, was nicht mehr gebraucht wird, evtl. den Sperrmüll bestellen. Dann die Rennerei zu den Rathäusern: Abmelden, anmelden, neuer Personalausweis. Puuuuuuuuuuuuuuh! Dem Himmel sei dank, daß mir sowohl A. als auch M. schon ihre Hilfe angeboten haben. Und was hat Belgien eigentlich für ein Fernseh-Format? PAL oder SECAM?
Brüssel ist eine tolle Stadt, aber ich werde auch hier vieles vermissen. Mit meinen Freunden fängt es schon mal an, obwohl man sich natürlich immer noch besuchen kann. Bei den kleinen gemütlichen Kneipen sieht’s da schon ein bißchen anders aus, da muß ich mir wohl ganz neue suchen. Und den kleinen Zierapfelbaum vor dem Schlafzimmerfenster sehe ich jetzt auch nicht mehr weiterwachsen. Manchmal frage ich mich, wie lange ich eigentlich noch so durch die Gegend zigeunern will. England, Frankreich, nochmal England, wieder Frankreich, dann Deutschland, jetzt Belgien. Sobald ich irgendwo fest im Sattel sitze, geht’s auch schon wieder auf und über alle Berge. Warum mache ich das eigentlich? Herausforderung, sicher. Neugier, ganz klar. Karriere, logisch. Aber kann es nicht auch sein, daß ich vielleicht vor irgendetwas davonlaufe? Vielleicht versuche, Schönes hinter mir zu lassen, bevor es mich hinter sich läßt? Oder denke ich jetzt zu kompliziert?
Ja, ich geb’s zu, ich bin momentan auch etwas traurig. Weil M. für so lange Zeit nach Japan geht. Weil P. mich ganz offenbar einfach so weggeworfen hat, es ihn nicht mehr interessiert, was ich mache und wie es mir geht. Nach einigen Anläufen habe ich dann endlich eine Mail geschrieben und ihm von dem neuen Job erzählt. Angeblich wollte er es ja unbedingt wissen. Keine Reaktion, noch nicht einmal ein kleines “Herzlichen Glückwunsch”—hätte ich mir ja denken können. Nun gut, solange ich von ihm nichts mehr höre, hört er ab jetzt auch nichts mehr von mir. Die alte Einladung für Ende Juli kann ich vermutlich mitsamt Ticket auch demnächst in den Papierkorb werfen. Hätte ich bloß gar nicht erst gebucht.
Kaputt ist auch die Freundschaft mit J., die auch wieder nur darauf wartet, daß ich mich bei ihr melde, weil ihr gar nicht der Gedanke kommt, es könnte mir wichtig sein, daß auch sie einmal etwas tut, um den Kontakt aufrecht zu erhalten. Auch von ihr kam nicht der leiseste Kommentar zum Jobwechsel, obwohl ich mich mit ihr immer über jeden noch so belanglosen Quark gefreut habe, solange es ihr wichtig war. Aber das ist wohl auch schon keine Freundschaft mehr. Eineinhalb Jahre lang war ich diejenige, die sich immer und immer wieder bemüht hat, und jetzt mag ich einfach nicht mehr. Das hat nichts mit Trotz zu tun, sondern einfach nur mit Resignation und mit dem Vorsatz, niemandem mehr hinterherzulaufen. Komischerweise trifft mich die Stille von P. und J. noch viel mehr als der Neid von Cl. Warum? Weil Neid wenigstens noch voraussetzt, daß der Neider sich mit seinem Gegenüber befaßt. Weil er den Wert dessen erkannt hat, was man erreicht hat. Für den Gleichgültigen hat man aber selbst schon gar keinen Wert mehr.
Einige Dinge, die mir wichtig sind/waren, zerbröseln einfach um mich herum, inklusive der Abteilung, in der ich bisher gearbeitet habe, und ich kann es nicht aufhalten. Da ist es vielleicht wirklich auch in dieser Hinsicht besser, ich mache einen glatten Schnitt durch alle Ebenen. Wenn sich die Gelegenheit gerade so schön bietet.
Dienstag, 04. Juli 2000
Die ungeschminkte Wahrheit
Oh weh, da hat mich der eine oder andere wohl gründlich mißverstanden. LOL! Stimmt, ich schminke mich nicht, aber ich mute meiner Umwelt auch keinen unappetitlichen Anblick zu. Es würde mir nie in den Sinn kommen, ungeduscht oder mit ungewaschenen Haaren oder schmutziger Kleidung herumzulaufen, sonst würde ich mich selbst nicht mehr wohl fühlen. Ein gewisses Maß an Hygiene und Ästhetik muß man schon einhalten, finde ich. Es ist ganz einfach auch ein Zeichen von Respekt den Mitmenschen gegenüber, eine Art zu sagen: “Eure Wertschätzung bedeutet mir etwas.” Das kann sogar sehr viel Spaß machen, nämlich dann, wenn man seine Vorzüge leicht betont und weniger Schönes dezent kaschiert. Also: Ich gebe mir durchaus Mühe, nur eine Vorspiegelung falscher Tatsachen bzw. clownhafte Auftritte sind nicht mein Ding.
Schade finde ich es bloß, wenn jemand rein äußerlich piekfein getrimmt ist und gut aussieht, und dann durch sein Verhalten wieder alles kaputt macht. Die junge Dame im Zug zum Beispiel, die ich alle paar Tage morgens sehe. Gut gekleidet, adrette Frisur, hübsch noch dazu—alles wunderbar. Bis sie sich hinsetzt. Von da an wird dann an den Händen geknibbelt, an den Fingernägeln genagt, der Kopf gekratzt, die Nase gerieben, auf der Lippe gekaut, mit den Füßen gezappelt… Die Frau ist ein einziges Nervenbündel, man mag gar nicht hinsehen.
Naja, dafür denkt der eine oder andere von mir vermutlich, daß ich eigentlich in eine Gummizelle gehöre. So, wie heute morgen zum Beispiel. Da saß so ein verschlafener Typ mit tranigem Blick mir gegenüber, der sich im krassen Gegensatz zu Frau Nervenbündel so gut wie gar nicht rührte. Und ich mußte so sehr grinsen, weil ich aus irgendeinem unerfindlichen Grund an diese eine Kurzgeschichte aus Melody’s Buch dachte… Was wäre wohl passiert, wenn ich zu Herrn Schlafmütze gegangen wäre, mich wie ein Kätzchen an ihm gerieben und die “Zauberformel” rezitiert hätte: “Alles was ich will, ist jemand, den ich liebhaben darf und der zu mir gehört...” Ob da wohl Leben in diesen Mann gekommen wäre, oder ob er so tranig da sitzen geblieben wäre? *prust*
Meine Güte, mir kann es aber auch offenbar überhaupt niemand recht machen. Denn irgendwie habe ich mich in der Geschichte schon wiedererkannt, das muß ich gestehen. Deshalb spukte sie mir vermutlich auch schon heute morgen im Kopf herum. Nun ja, es ist schon ein paar Jahre her, daß ich einer Freundin die Ohren vollgeheult habe (da war ich sinnigerweise noch verlobt), aber sonst stimmt der Grundtenor schon irgendwie. Warum ist mir niemand gut genug? Wonach suche ich eigentlich? Oder besser gesagt: Warum irre ich mich, denke, es sei der Richtige, und dann stellt sich heraus, daß das doch nicht der Fall ist? Und warum zögere ich in anderen Fällen so lange?
Montag, 03. Juli 2000
Kein Wunder.
Wenn man seinen Körper mal versucht so zu betrachten, als säße man selbst nicht drin, sehen Arme ziemlich merkwürdig aus. Und der Bauchnabel erst… *g* Und das Spiel der Knochen unter der Haut der Hände, wenn man die Finger bewegt… Und die pulsierenden Adern, dieses feine Netz… Wie sich das alles dreht und verschiebt und faltet und streckt! Wie warm das ist—so viel Energie!
Die Augen fangen bestimmte Wellen auf und machen daraus Bilder, die wir verstehen können. Die Ohren verarbeiten noch andere Wellenlängen und lassen uns hören. Die Nase sorgt dafür, daß schon ein paar Moleküle eines Duftstoffes ausreichen können, um uns vor Gefahren wie einem Brand zu warnen. Die Haut sagt uns, wie kalt oder warm es ist.
Eigentlich ein faszinierendes Gebilde, so ein Mensch, sogar, wenn man es selbst ist, den man sich anschaut. Da werden kleine Makel dann noch unbedeutender.
Sonntag, 02. Juli 2000
Funkstille
Hoffentlich wird mir verziehen werden, daß ich mich heute bei niemandem gemeldet habe, den ich eigentlich noch über Brüssel hätte informieren müssen oder den ich eigentlich noch irgendwann anrufen wollte. Nicht heute. Ich hatte einfach keine Lust mit jemandem zu reden. So ist das… Es war ein richtig schöner Tag, nur mit Musik, Lesen, Essen und Eressea-Spielen verbracht. Das ewige Lächeln und die Gespräche über alles und nichts gehen spätestens morgen im Büro wieder los. Sind nette Leute, die Kollegen, und auch S., D., Ch. und Konsorten, aber es kann so schön sein, mal einen ganzen Tag lang nichts sagen zu müssen. Tagebuch zählt nicht, auch wenn jetzt seit ein paar Wochen auch noch andere mitlesen können. *g*
Die Schreckenstein-Mailingliste wird langsam etwas unverständlich. Da bieten zwei, die einander auch noch kennen, für den selben Artikel auf E-Bay und der erste der beiden Bieter regt sich dann öffentlich darüber auf, daß die alte Abmachung gebrochen wurde und einer den anderen überboten und den Preis in die Höhe getrieben hat. Leute, redet doch einfach mal miteinander! Noch im April habt Ihr beim Listentreffen jede Menge Jux miteinander gemacht—es kann doch nicht so schwer sein, sich dann bei zwei so läppischen Auktionen zu einigen? OK, ich überbiete auch kein anderes Listenmitglied, aber wenn ich es wollte, oder wenn einer mich überbietet, spreche ich doch denjenigen erstmal persönlich an, statt verbissen weiterzubieten, bis die Auktion gelaufen ist und die ganze Angelegenheit dann öffentlich breitzutreten.
Manchmal frage ich mich, ob ich eigentlich zu überheblich bin oder was sonst mit mir los ist, daß ich über solche Probleme nur den Kopf schütteln kann. Fehlt mir einfach das Verständnis für andere und ihre Sorgen? Bin ich zu eingebildet? Zu egozentrisch? Ich meine, mein “Standard” kann ja auch nicht das Maß aller Dinge sein, und wenn es Menschen gibt, die sich über solche Dinge wie verkorkste Auktionen aufregen, dann kann es doch sein, daß das tatsächlich irgendwie wichtig ist und ich nur zu blöd bin, das zu erkennen, oder? Was ist bloß mit mir los, daß ich das nicht nachempfinden kann? Und was halten andere von meinen eigenen Problemen? Einige denken doch mit Sicherheit auch, daß ich mich nur über belanglosen Unfug aufrege, oder? Was ist denn nun wirklich wichtig?
Samstag, 01. Juli 2000
Trari, trara, die Post ist (nicht) da.
Also was das nun wieder sollte, verstehe ich ja nicht so ganz! Heute morgen war ich definitiv zu Hause, und trotzdem habe ich jetzt wieder eine dieser orangefarbenen Karten im Briefkasten, ich sei nicht anzutreffen gewesen und möchte innerhalb der nächsten 7 Werktage mein Päckchen da und dort dann und dann abholen. Der blöde Postbote hat sich offenbar noch nicht einmal die Mühe gemacht zu klingeln, vermutlich in der Annahme, ich sei ja sowieso mal wieder nicht zu Hause, oder vielleicht auch einfach nur deshalb, weil er keine Lust hatte Treppen zu steigen? Toll. Jetzt kann ich am Montag für diesen Unsinn schon wieder durch die halbe Stadt gondeln. Was ist das überhaupt für ein Päckchen? A.s Videos sind schon hier, Weihnachten ist noch lange hin und mein Geburtstag ist im Frühjahr—wer schickt mir also mitten im Jahr etwas? Für Melody’s Buch dürfte es ja noch ein wenig zu früh sein, oder?
Egal, ich bin immer noch zu fröhlich, um mir von so einem Mißgeschick den Tag vermiesen zu lassen! Brüssel! Das wird mit Sicherheit interessant! Hoffentlich schaffe ich das alles… Neuer Job, Fernstudium, Umzug, Freunde in der neuen Umgebung finden… Das kann ja heiter werden! *g* Naja, man wächst ja bekanntlich an der Aufgabe; wird schon irgendwie schiefgehen. Ist ja auch nicht das erste Mal. Und im Notfall hilft die belgische Schokolade. ;o)
Ein lustiges Erlebnis hatte ich heute im Supermarkt: Zwei junge Damen - vielleicht zwischen 18 und 20 - begutachteten mich verstohlen von oben bis unten. Dann wisperte die eine der anderen zu: “Wenn die sich schminken würde, wäre sie richtig hübsch.” Ich mußte einfach nur lachen. Nee, Mädels, da habt Ihr wirklich was mißverstanden. Wenn ich mich schminken würde, sähe ich bestimmt nicht besser aus. Ich hätte nur eine bunte Maske auf. An mir selber würde sich gar nichts ändern, und deswegen lasse ich die Maske auch gleich weg.
Wissen diese Frauen mit einer dicken Schicht Edel-Beton im Gesicht eigentlich noch, wie schön sich das anfühlt, wenn einem der Wind direkt über die Haut streicht? Wenn man einfach so mit jemandem schmusen kann, ohne Angst zu haben, daß sich die mühevoll zurechtgepinselte Kriegsbemalung dabei in ein Mirò-Gemälde verwandelt? Oder wenn man das Gesicht nach einem heißen Sommertag in den Regen halten kann? Oder sich nach einem anstrengenden Tag einfach mal so die Augen reibt?
Haben sie eine Ahnung, wie ungepflegt ihre zu Spinnenbeinen verklebten Wimpern aussehen? Noch niemals in meinem Leben habe ich getuschte Wimpern gesehen, wo nicht doch mindestens zwei oder drei davon jeweils zu einem Bündel zusammengepappt waren! Noch nie! Und ja, Mädels, auf einen Meter Entfernung sieht man es immer, auch wenn Euch die Mascara-Werbung noch so feine Bürstchen und noch so “natürliche” Ergebnisse verspricht. An manchen Wimpern kleben sogar ganz vorne noch kleine Klümpchen. Das soll wohl die Wimpern optisch verlängern, sieht aber einfach nur so aus, als hätte man sich den Schlaf nicht richtig aus den Augen gewaschen—buäh!
Wissen sie wohl auch, wie komisch es wirkt, wenn sie sich herumdrehen und man den Übergang vom braunen Gesicht zum blassen Hals (oder umgekehrt) sehen kann, da, wo das Make-Up endet? Irgendwo endet es nämlich immer, und selbst wenn der Übergang gut verwischt ist, fällt der Kontrast zwischen Gesicht und restlicher Haut doch jedem auf, der genauer hinsieht. Gerade jetzt im Sommer, wo viel Haut gezeigt wird, und sei es nur, weil die bloße Haut Sommersprossen hat und das Gesicht eigenartigerweise überhaupt keine. Oder nehmen wir den Lippenstift, der langsam in die Fältchen um den Mund herum rinnt, von rotgefärbten Zähnen ganz zu schweigen. Und wissen diese Malerinnen auch, wie sehr sie ihre Schatten unter den Augen durch diese schwarzen Striche unter den unteren Wimpern noch betonen?
OK, wem’s gefällt, der soll’s halt machen, das ist nicht meine Sache. Aber kein Mensch wird es schaffen mir einzureden, daß Schminke schöner macht. Das, was untendrunter steckt, bleibt eh’ immer gleich, und wenn ich mich nicht schminke, muß ich außerdem nicht in Panik ausbrechen, wenn an einem Gammeltag mal jemand unangemeldet zu Besuch erscheint und mich ohne Kleister im Gesicht eventuell für schwer krank hält oder gar nicht erst wiedererkennt. *ggg*
Freitag, 30. Juni 2000
Brüsselliese
Puh, endlich Wochenende! Heute ging es im Büro aber auch zu—am liebsten hätte ich acht Arme gehabt! Obwohl, wie ich mich so kenne, hätte ich die eh’ nur hoffnungslos verknotet. *g*
Jedenfalls kann ich heute abend endlich so lange wie ich möchte in meinem Buch schmökern. Isabel Allende, “Daughter of Fortune”. Einfach klasse in Handlung und Stil! Die Geschichte handelt vom Findelkind Eliza im Chile des späten 19. Jahrhunderts. Das Mädchen wächst dort bei einer angesehenen englischen Familie auf und verliebt sich mit 16 Jahren in einen Chilenen, der sie schwängert und dann nach Kalifornien reist, weil dort Gold entdeckt wurde. Er verspricht ihr zwar, zurückzukommen und sie zu heiraten, aber so lange will Eliza nicht warten. Mit der Hilfe eines chinesischen Arztes versteckt sie sich als blinder Passagier auf einem Dampfer und reist ihrem Geliebten nach. Weiter bin ich noch nicht gekommen. Leider… ;o) Die Story hört sich kitschig an, ist es aber absolut nicht. Auch die Lebensgeschichte des chinesischen Arztes wird in die Handlung mit eingewoben, so daß man eigentlich zwei Bücher auf einmal liest, deren Handlungen immer wieder auseinanderdriften und sich dann wieder treffen, wie die Schnüre eines Netzes. Wirklich super geschrieben.
Und zu guter Letzt… Es ist amtlich und meine Kollegen wissen auch endlich Bescheid: Im Herbst dieses Jahres werde ich nach Brüssel umziehen und dort eine neue Stelle antreten. Ich freue mich riesig! Wer weiß, vielleicht wird dann aus “Einblick - Ausblick” so eine Art “Belgisches Tagebuch”. So à la Thomas? *g*
So, und nun wird gefeiert! Ciao allerseits, und schönes Wochenende!
Donnerstag, 29. Juni 2000
Kreiselknöpfe
Eigentlich hatte ich mir gestern abend ja vorgenommen, früh ins Bett zu gehen, aber dann rief M. an, um wieder mal so “richtig” zu quatschen, nicht nur kurz, wie vorgestern—und wie immer, wenn ich mit ihm telefoniere, ging es natürlich mal wieder bis tief in die Nacht. Schön war’s trotzdem; ich liebe es einfach, mit M. herumzualbern! Mit ihm kann ich mich über Gott und die Welt unterhalten, ohne daß da irgendwelche schrägen Zwischentöne drin wären—im Gegensatz zu den Gesprächen mit P. in letzter Zeit. Der lauert nur noch, ob ich ihn eventuell “einfangen” will, ich hingegen werde schon fuchsig, wenn ich auch nur den Verdacht habe, daß mir wieder eine seiner Predigten halten möchte, mir erzählen will, was wahre Liebe angeblich ist, oder mich sonstwie mit Weisheiten bombardiert. Die Spannung ist dabei direkt greifbar.
Richtig geschrieben haben wir uns schon seit drei Wochen nicht mehr, und mir fällt auch ehrlich gesagt fast nichts mehr ein, das ich ihm erzählen könnte. Das heißt, es gibt eine Menge, das ich ihm gerne erzählen würde, wenn ich nicht mit jedem Mal mehr Angst hätte, ruckzuck wieder in die Defensive gedrängt zu werden. Wenn ich da an das letzte Telefonat denke… Uff!
P. ist schon jemand Besonderes für mich, ich will diese Freundschaft auf jeden Fall erhalten (Himmel, wir kennen uns seit 25 Jahren!)—wenn ich bloß wüßte wie!!! Ein paar Mal habe ich diese Woche versucht ihm zu schreiben und saß noch nach einer halben Stunde vor dem leeren Fomular, so wie gestern am frühen Abend. Einen kleinen Zwischenbericht wollte ich ihm schicken, da ich ihm versprochen hatte, ihn über eine bestimmte Sache auf dem Laufenden zu halten—aber noch nicht einmal dazu fiel mir mehr etwas ein. Nach der Anrede war ich wie ausgelaugt. Solange ich nichts Abgeschlossenes und Unabänderliches nennen kann, will ich doch lieber gar nichts sagen, um nicht schon wieder rechtfertigen zu müssen, warum dieses so und anderes anders ist. Sie lähmt mich, die Vorstellung, ihn in mein Inneres schauen zu lassen und zu befürchten, daß es wie eine Zeichnung in der Schule bewertet wird, er versucht, daran herumzuradieren und Striche neu zu ziehen, die mir selbst aber gut gefallen, so wie sie sind. Ich habe noch nicht einmal mehr den Mut, ihm von Alltagsbegebenheiten zu erzählen, denn auch da waren in letzter Zeit mehr und mehr Belehrungen die Folge. Urlaub absagen oder nicht, Hotel in B. oder nicht… Woher will er wissen, wie ich mich am wohlsten fühle? Und warum muß ich das überhaupt erklären? Nicht, daß mir das an sich etwas ausmachen würde, aber wenn es fast unweigerlich dazu führt, daß meine Beschlüsse gleich wieder in Frage gestellt und mit Alternativen pariert werden (die ich schließlich auch schon kenne und erkenne, aber begründet verworfen habe!)… Das nervt. Es fühlt sich an, als dächte P., daß mir diese Alternativen gar nicht erst bekannt sind. Das ist es wohl, was mich so auf die Palme treibt, das Gefühl, unterschwellig bevormundet zu werden, nicht für voll genommen zu werden. Die implizierte Annahme, meine Überlegungen seien nicht ausreichend und bedürften in jedem Fall einer Ergänzung. Schließlich ziehe ich meine Entscheidungen ja nicht aus einer Lostrommel—ich denke doch auch vorher nach, Donnerwetter noch mal! Wirklich!
Lieb gemeint, seine Ratschläge, vielleicht, but they always come down on me like a ton of bricks. Ich brauche und will niemanden, der auf mich aufpaßt, dabei aber übersieht, daß ich nicht er bin, nicht so fühle, nicht so denke und vielleicht auch andere Bedürfnisse und Prioritäten habe. Von ihm selbst wohl unerkannt scheint P. zumindest im privaten Bereich nicht mehr zu unterscheiden zwischen einer ihm gegebenen Information und einer Bitte um Rat. Irgendwann in nächster Zukunft werde ich ihm sagen müssen, wie ich das empfinde, sonst flippe ich vielleicht noch bei einer Gelegenheit aus, die an sich gar keinen meiner berüchtigten “Vulkanausbrüche” rechtfertigen würde, und das wäre auch nicht fair.
Eine meiner frühesten Erinnerungen: Ich bin ungefähr vier Jahre alt und mache Urlaub mit meinen Großeltern im Stubai-Tal. Sie haben mir ein Malbuch geschenkt, in dem auch ein Kreisel abgebildet ist, den ich mit meinen Buntstiften in allen Regenbogenfarben ausmale. Den Knopf ganz oben am Kreisel habe ich mit Strichen wie eine Torte geteilt, jedes Segment bekommt eine andere Farbe. Mein Großvater schaut mir eine Weile zu und zieht mir plötzlich das Malbuch weg. Er ergreift den schwarzen Stift und malt den ganzen Knopf dick und unwiderruflich damit aus. “Die Knöpfe sind immer schwarz”, sagt er.
Aber meiner nicht.
Mittwoch, 28. Juni 2000
Chain Mails
Zum Glück ist mit M. alles in Ordnung. Gestern abend habe ich ihn noch am Telefon erwischt.
Das neue Design dieser Homepage ist auch fertig; nachdem ich dieses ungewöhnliche Frauenportrait entdeckt hatte, gab’s für mich kein Halten mehr. (Die Gravur ist übrigens nicht von mir, sondern stammt aus dem frühen 19. Jahrhundert. :o) Muß ich noch irgendwie vermerken.) Die Frau hat was. Dieser Blick… Ich weiß immer noch nicht so genau, ob sie traurig ist, erstaunt, wütend oder einfach nur irre—genau wie bei mir selbst manchmal. *g*
Eines weiß ich allerdings ziemlich genau: Chain-Mails sind eine Verschwendung von Zeit, Geld und Bandbreite. Vor allen Dingen dieses ewige ”Was haben wir uns doch alle lieb! Und nun schick das gefälligst innerhalb von 5 Minuten an all deine Freunde und an den Absender, sonst brennt Dir sieben Jahre lang jeden Morgen das Kaffeewasser an.” Erzwingung von Freundschaftsbeweisen unter Strafandrohung, noch dazu unter Berufung auf eine sogenannte “höhere Macht”—bescheuerter geht’s doch gar nicht. *an die Stirn tipp* Nee, solche Mails schicke ich grundsätzlich nicht weiter, und schon gar nicht an meine Freunde. Die würde ich nämlich gerne noch eine Weile behalten. (Und außerdem würde ich liebend gerne herausfinden, wie diese angebliche Vernetzung von meinem Computer mit meinem Wasserkocher funktioniert. Noch’n Grund, nix weiterzuleiten, hehe!)
Wie kommt es eigentlich, daß solch moralingesättigter Schwachsinn fast ausschließlich aus dem anglo-amerikanischen Raum stammt? Noch nie habe ich derartige Mails z.B. aus Frankreich bekommen. Vereinzelt zwar auch mal aus Deutschland oder der Schweiz, aber selbst das waren meist “Originale” aus den USA. Haben sich die Mayflower-Gene der Amerikaner so lange gehalten, oder sind wir Europäer von einzelnen Ausnahmen abgesehen einfach zu nüchtern? Oder kennen mich meine Bekannten hier drüben einfach so viel besser, daß sie mir im Gegensatz zu den US-Bekannten so ein Zeug erst gar nicht zuschicken? Jedenfalls war da der Witz von B. schon besser:
Frage: Was kommt dabei heraus man, wenn man Viagra an ein Glühwürmchen verfüttert?
Antwort: Eine Stehlampe.
Jaja, OK, der ist nicht ganz stubenrein, aber da habe ich schon wüstere Homepages gesehen. Und überhaupt, das hier ist mein Tagebuch. So! ;o)


